Ein paar Gedanken zum Passing, bzw. „als Frau durchgehen“

Grundsätzliches zum Passing

Hallo liebe_r Besucher_in,

nun, im letzten Artikel schrieb ich ja bereits, das ich eigentlich fertig bin, bis auf meine abschließende, geschlechtsangleichende Operation (GaOP), die in ziemlich genau einem Jahr endlich passieren sollte. Bis dahin habe ich nun Stillstand nach all diesen tollen Erfolgen und glücklichen Momenten.

Aber das soll mich natürlich nicht daran hindern, mich Dir trotzdem mitzuteilen und Dir Informationen und Hilfsmittel an die Hand zu geben, die Dir den Alltag vielleicht oder hoffentlich erleichtern.

In diesem Artikel soll es ein wenig um das sogenannte Passing gehen, also wie gut man als, dem Zielgeschlecht zugehörig erkannt wird.

Nun, um zuerst einmal von mir zu sprechen, muss ich ganz ehrlich sagen, das ich mit meinem Passing nur die ersten paar Monate ein paar Probleme hatte, so lange ich meinen eigenen Stil, Makeup- und Modetyp noch nicht gefunden hatte.

Wenn Du das deutlich ältere, untere Bild rechts mit dem aktuellen Bild darüber vergleichst, siehst Du mehrere ganz krasse Unterschiede, obwohl es die gleiche Person ist, nämlich ich.

Lass mich mal die Unterschiede aufzählen, die mir  selbst an diesen Bildern auffallen:

  1. Die Ausstrahlung: Auf dem aktuellen Bild sehe ich deutlich glücklicher und selbstbewusster aus.
  2. Die Frisur: Auf dem alten Bild springt einem förmlich diese scheußliche Perücke in die Augen.
  3. Die Brille: Etwas größere, rundere, dickere und vor allem auch farbige Brillenrahmen machen den Gesamteindruck etwas weiblicher.
  4. Das Makeup: Ja, das muss natürlich auch erst einmal gelernt sein, bis man es halbwegs gut beherrscht. Bei männlichen Gesichtern gibt es nun mal leider deutlich mehr markante Dinge, die man kaschieren muss, wie der Bartschatten, die deutlich gröbere und unreinere Haut und auch die Gesichtsform an sich.
  5. Dieser scheußliche Schal: Womit wir beim Thema Mode angekommen sind, die natürlich ebenfalls eine sehr große Rolle spielt.

Der wichtigste Punkt beim Passing, also wie man beim Gegenüber ankommt, ist natürlich immer die eigene Ausstrahlung. Man sieht einer Person auf den ersten Blick an, ob sie selbstbewusst und glücklich durchs Leben geht oder ob sie „duckmäuserisch“ und ängstlich durch die Straßen schleicht.

Wenn man aufrecht, mit erhobenem Kopf und lächelnd durch die Gegend läuft, kommt das ganz anders rüber als wenn man mit gesenktem Kopf, die Umgebung ängstlich beobachtend unterwegs ist.

Und damit sind wir bei einem Problem, das so gut wie alle Transgender, seien es Frauen oder Männer, immer wieder beschäftigt:  „Die Leute starren mich an!“

Stell Dir einmal vor, Du gehst durch eine sehr belebte Fußgängerzone. Beobachte Dich einmal selbst dabei: Wie viele Leute starrst Du direkt an? Nun, als mir selbst bewusst wurde, dass ich selbst so gut wie niemanden direkt anstarre, sondern gedankenverloren oder die Schaufenster betrachtend durch die Straßen gehe, so wie es alle anderen auch tun, wurde mir klar, dass die Leute mich gar nicht anstarren. Die meisten gehen genau so gedankenverloren durch die Straßen und schauen, wenn sie überhaupt in Deine Richtung schauen, meistens durch Dich hindurch oder vielleicht nur annährend in Deine Richtung.

In aller Regel interessieren sich die Leute überhaupt nicht für Dich oder dafür wie Du aussiehst. Wenn Dir das bewusst wird, hast Du es schon deutlich leichter, selbstbewusst zu werden und mit erhobenen Kopf selbst die Schaufenster gedankenverloren zu betrachten.

„Naja… ich bin aber 2 Meter groß!“ oder „Ich habe einen Oberkörper wie Schwarzenegger!“ ….diese oder ähnlichen Sätze fielen auch mir immer wieder ein, wenn ich unterwegs war und ich versuchte dann, mich klein zu machen und drückte die Schultern zusammen. Das Ergebnis war, das die Leute dann anfingen zu schauen, da sie meine Unsicherheit erkannten.

Ich war vor einem Monat etwa in Berlin und dort mit meiner Lebensgefährtin Michelle im Einkaufszentrum Gesundbrunnen unterwegs. Dort sind wir in einen kleinen Schmuckladen gegangen und als ich an die Kasse wollte, bin ich erst mal völlig verdattert, verlegen und überwältigt vor der wirklich wunderschönen, sehr jungen, maximal 19 Jahre alten aber mehr als 2 Meter großen Kassiererin stehen geblieben, die mich um mindestens 15cm überragte und mir fiel nichts Besseres zu sagen ein als: „Ohh, das ist das erste Mal das ICH zu einer hübschen Frau aufschauen muss.“.  Ihre Antwort darauf war: „Und ich trage momentan nicht mal Absätze“.

Es ist völlig egal, wie groß Du bist, solange der Rest passt. Wenn alle anderen Kriterien zusammen passen und ein gutes, weibliches Gesamtbild ergeben, ist es völlig egal ob Du 2,20 groß bist oder Schultern wie ein Schmid hast.

Damit kommen wir zur Frisur. Tja, das ist tatsächlich ein schwieriges Thema. Das Problem vieler, sehr vieler Transfrauen, also Mann-zu-Frau Transgendern so wie ich eine bin ist, das wir viele, viele Jahre lang eben als Mann leben mussten und damit auch dieses leidige Testosteron im Blut hatten, welches nun mal dafür bekannt ist, für Haarausfall auf dem Kopf und übermäßiger Behaarung am restlichen Körper zu sorgen. Leider müssen viele Transfrauen deshalb mit einer Platte, einer Glatze leben oder mit extremer Körperbehaarung wie Bartwuchs oder Haare an Rücken oder Armen.

Leider bleibt vielen Transfrauen nichts anderes übrig als sich solch einen Fiffy aufzusetzen. Durch das Herunterfahren des Testosteron und Zuführen von Östrogen, wie es die Hormon-Ersatz-Therapie ja macht, kann es durchaus sein, das sich auf dem Kopf ein wenig was tut. Leider wird das aber wohl in den meisten Fällen nicht ausreichen um eine Halb- oder Vollglatze wieder komplett mit blonder Haarpracht zu füllen.

Aber bitte, wenn Du Dir unbedingt eine Perücke zulegen musst, dann besorge Dir bitte keine billige 19,- € Perücke bei ebay so wie ich auf dem Bild dort oben. Geh in ein Perückengeschäft, lass Dich beraten, probiere verschiedene, qualitativ hochwertige Perücken aus und stelle dann einen Antrag bei der Krankenkasse auf Haarersatz. Wenn Du das richtig anstellst und mit entsprechend Psychologischem Gutachten das sich auf den hohen Leidensdruck beruft, belegen kannst, dann solltest Du das Geld für solch eine gute Perücke (~500,- €) erstattet bekommen.

Ich hatte das riesen große Glück, das ich schon immer wohl etwas zu wenig Testosteron, dafür aber zuviel Östrogene im Körper hatte, weshalb ich überhaupt gar keine Behaarung an Brust oder Rücken und nur sehr schwachen Bartwuchs und damit auch keinen Bartschatten habe. Dafür wachsen meine Haare oben auf dem Kopf schon immer wie Unkraut und ich konnte den Fiffy von oben auf dem älteren Bild schon nach nicht mal zwei Monaten entsorgen.

Dieses Glück haben leider nicht viele Transfrauen.

Apropos Bartschatten…. Damit sind wir beim Makeup angekommen.
Bartschatten abzudecken ist am Anfang sicher nicht leicht. Aber mit dem richtigen Camouflage, Concealer oder Foundation ist das kein großes Problem mehr. Ich möchte hier jetzt keinen Schminkkurs abhalten oder langwierige Tipps zu einzelnen Marken oder Herstellern geben. Bitte suche hierzu einfach mal auf Youtube, da gibt es unzählige Videos, die genau zeigen, mit welchen Marken man am besten Bartschatten abdecken kann und wie man es am besten macht.

Wichtig ist nur, dass er abgedeckt wird und zwar ordentlich, sonst ist das Passing sofort dahin. Das Gesicht muss überall eine gleichmäßige, ebenmäßige Struktur haben und männlicher Bartschatten, wenn er noch so schwach zu sehen ist, macht den Eindruck sofort wieder kaputt.

Thema Brille, bzw. Mode. Auch das ist ein sehr komplexes Thema, das hier den Rahmen definitiv sprengen würde. Wichtig ist eigentlich nur, das Du Deinen Stil findest und dann auch konsequent einsetzt. Accessoires wie Schmuck, Ringe, Ketten, Ohrringe sind sehr wichtig und unterstreichen deutlich die Weiblichkeit. Auch ein Nasenpiercing wie bei mir kann durchaus reizvoll sein.

Solch ein Collar (Das Halsband der „O“ das ich umhabe mit dem Ring vorne) ist natürlich nicht notwendig und steht nur für meine sexuelle Neigung, meinen Fetisch.   🙂

So, das soll es erst mal wieder gewesen sein fürs Erste.

Am aller wichtigsten ist immer das eigene Selbstwertgefühl, das eigene Selbstbewusstsein. Gehe mit erhobenem Kopf und lächelnd auf die Straße und Du wirst sehen, Dir geht es deutlich besser dabei und auch die Blicke anderer reduzieren sich deutlich.

Bitte scheue Dich nicht, mich anzuschreiben oder zu kontaktieren wenn Du weitere Fragen hast oder Hilfe brauchst. Meine Kontaktdaten findest Du im Impressum.

*Kisses*
Deine Christin

 

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9 Kommentare

  1. Hallo Christin,
    das Problem mit dem Barschatten halte ich für eines der größten, wenn nicht das größte überhaupt hinsichtlich des Passings. Daher halte ich es für empfehlenswert, es möglichst schnell mittels Laser- oder Nadelepilation zu beseitigen und eine solche bei der Kasse zu beantragen.
    LG Mychaela

    • Hey Mychaela,

      vielen lieben Dank für Deinen Kommentar. Ich stimme voll und ganz zu, das eine entsprechende Epilation natürlich die beste Lösung wäre. Aber leider haben viele Transfrauen diese Möglichkeit der Laser- oder Nadelepilation nicht so früh, da sich die Krankenkassen in der Regel auch erst nach einer sehr langen Zeit der psychotherapeutischen Begleittherapie (12, 18 oder gar 24 Monate), sowie einem Gutachten der Therapeutin über den entsprechenden Leidensdruck, darauf einlassen, wenn überhaupt.

      Hier wäre es sehr wünschenswert, wenn die Krankenkassen da etwas offener und toleranter werden.

      Liebe Grüße
      Christin

    • Hallo Marie, dankeschön. Das Collar trage ich aktuell nicht mehr, bekomme aber sicher bald wieder eines. LG Christin

  2. Hallo Christin, viele Grüße von einer langjährigen Bodenseeurlauberin mit Respekt vor Deiner Entscheidung. Was heißt Entscheidung, es gibt ja letztendlich nur diesen Weg. Und dafür meine große Anerkennung. Deinen Weg wünschte ich mir in letzter Konsequenz auch. Respekt für Deinen Mut. LG Johanna

    • Hallo Johanna, vielen Dank für Deine lieben Worte. Es ist für niemanden zu spät, den Weg zu beginnen und durchzuziehen. Man muss nur den Mut dazu haben. LG Christin

  3. Hallo Christin, genau der fehlt mir aber. Obwohl ich seit 1,5 Jahren in Therapie bin, komme ich diesem Schritt irgendwie nicht näher. Kopfkino – kennt man ja in unserem Bereich. Meine Psych meint aber schon, daß es mit 57 nicht mehr ganz so einfach ist, weil ja auch die Hormone nicht mehr so wirken. LG Johanna

    • Hallo Johanna, ja das ist wohl wahr. Nicht nur Frauen kommen in die Wechseljahre, sondern auch Männer, bzw. männliche Körper. Die Sexualhormone werden dann fast genau so schnell wieder abgebaut, wie sie zugeführt werden und man kann, ab einem bestimmten Alter ein gewisses Maß an Hormonen nicht mehr überschreiten. Meine Lebensgefährtin ist 51 und bei ihr wirken die Hormone zwar noch, sie kommt aber, egal wie hoch wir dosieren, nicht mehr über einen Wert von knapp über 90 hinaus. Ich zum Beispiel, bin 45 und komme locker noch auf Werte jenseits der 200.

      Aber um sich besser zu fühlen, muss man nicht unbedingt die medizinische Seite angehen. Oft reicht es auch, sich einfach als Frau zu kleiden und zu geben, die Namensänderung zu machen und eben als Frau zu leben und anerkannt zu werden. Was Du tatsächlich zwischen den Beinen hast, geht niemanden etwas an.

      LG
      Christin

  4. Hallo Christin, mit dem Ding, daß nur mich was angeht, hast Du sicher recht. Außerdem weiß das außer mir im Falle der Angleichung ohne GaOP eh keiner. Aber es nervt halt, und Tucking, wenn ich ’ne Damenhose tragen will, ist auch nicht so meins. LG Johanna

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