Gedanken zu Akzeptanz, Passing, Narzissmus, Selbstverliebtheit, Seelenwohl und mehr

Hallo liebe*r Besucher*in,

zuerst habe ich eine kleine Warnung: Dieser Beitrag strotzt nur so von Narzissmus und Selbstverliebtheit. Manche sehen so etwas auch als Arroganz an oder auch als Egoismus. Ich möchte einfach einmal erzählen, was die Transition, der Weg zur Frau, mit mir gemacht hat, wie sie mich verändert hat, im Inneren.

Und es ist gleichzeitig eine Warnung, bzw. ein Tippgeber an alle Partner, Eltern, Freunde und Bekannte von ebenfalls Betroffenen, die natürlich gleichermaßen ebenfalls erst einmal lernen müssen, mit diesen Veränderungen zurecht zu kommen.

Ich muss zuerst einmal damit anfangen, wie es mir vor der Entscheidung diesen Weg zu gehen, ging:

Ich musste 43 Jahre lang, 35 Jahre ohne zu wissen was mit mir eigentlich überhaupt los ist, diese vermaledeite Rolle als „Mann“ spielen. Ich habe alles versucht, dieser Rolle zu entsprechen, das Bild eines Mannes aufrecht zu erhalten und ja, ich habe es damit sicher ab und zu auch übetrieben.

Ich war als Kind unglaublich in mich zurück gezogen, eigenbrötlerisch, ein absoluter Einzelgänger, sehr still und introvertiert, verträumt. Ich hatte NULL Selbstbewusstsein, konnte mich nicht artikulieren, geschweige denn mich rechtfertigen, wenn ich irgendetwas falsch gemacht hatte. Dies sorgte ständig in meiner Kindheit und im Jugendalter zu Spannungen zwischen meinen Eltern und mir.

Ich wurde zu vielen Psychologen geschickt und keiner konnte mir helfen oder sagen, was mit mir los war.

Ich war immer viel mehr mit anderen Mädchen unterwegs – wenn ich überhaupt mal unterwegs war – als mit Jungs. Jungs waren mir immer zu brutal, zu vulgär und einfach zu stumpfsinnig.

Bei Beginn meiner Pubertät merkte ich, das ich mich in eine Richtung entwickelte, die ich nicht erwartet hatte und nicht wollte.

Ich fing damit an, exzessiv Sport zu machen, Leichtathletik. Ich trainierte meinen Körper in der Hoffnung, ihn dann akzeptieren zu können. Ich verschandelte ihn mit Tätowierungen in der Hoffnung ihn dann akzeptieren zu können. Und ich tat noch andere Dinge, die ich hier jetzt nicht erwähnen möchte… alles in der Hoffnung, dieses männliche Gefängnis irgendwie akzeptieren zu können.

Es half alles nichts…

In 2007 fand ich dann endlich die Lösung. Ich stieß auf die Begriffe Transsexualität und Transgender und ich begann mich darüber, in diese Richtung hin zu informieren… Ich saugte sämtliche Informationen ein, die ich bekommen konnte, aus Foren, Artikeln und auch von selbst Betroffenen, mit denen ich Kontakt aufnahm. Endlich gab es einen Grund für all das, endlich hatte mein Problem einen Namen und endlich konnte ich dann auch versuchen, dafür eine Heilung zu finden….

Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie groß meine Enttäuschung war als ich feststellen musste, das es dafür keine Heilung gab! Es war, neben zwei anderen Erlebnissen die ich lange früher machen musste, die fürchterlichste Erfahrung meines Lebens.

Ich vetrraute mich damals in 2007 meinen Geschwistern an, aber niemandem sonst. Die Reaktionen waren teilweise Verständnis, teilweise aber auch Unverständnis gleichermaßen. Und so ließ ich das Thema erst einmal wieder fallen, jeglicher Hoffnung beraubt…

Es passierten in dem Jahr noch andere, schreckliche Dinge wie der Tod meines leiblichen Vaters und einige andere Sachen mehr und so vergrub ich mich wieder und zog mich zurück, wie ich es immer getan hatte….

Es mussten noch 8 Jahre ins Land gehen, bis ich in 2015 endlich wusste, was ich zu tun hatte und bis ich endlich auch den Mut dazu aufbrachte, dazu zu stehen und meine ganz persönliche Heilung zu suchen, mein Seelenwohl zu suchen.

Ich hatte 43 Jahre lang NUR gelitten! Ich weiß, niemand der nicht auch in dieser oder einer ähnlichen Situation ist, kann sich das nicht vorstellen.

Ich weiß nicht ob ihr den Film „Mein Sohn Helene“ kennt. Ich war ungefähr im gleichen Alter wie Helene in dem Film, als ich ganz genau so wie sie mit einem Teppichmesser auf meinem Bett saß und mir das Ding abschneiden wollte! Das war zu dem Zeitpunkt als ich dann auch den wirklich dicken und fetten Schriftzug „LOVE ME!“ auf mein Teil tätowiert habe in der Hoffnung, das Ding so vielleicht akzeptieren oder sogar lieben zu lernen.

Seit Oktober 2015 gehe ich nun den für mich einzig richtigen Weg. Ich lasse mich umwandeln zu dem was ich immer war, immer sein wollte und was ich mir seit ich ungefähr 8 oder 9 war, sehnlichst gewünscht hatte.

Seit dem Zeitpunkt am 16.10.2015 an dem ich diese Entscheidung getroffen hatte, habe ich mich um 180° geändert!

Ich bin ein komplett anderer Mensch geworden. Dies soll nicht heißen, dass die Person tatsächlich eine andere ist, im Gegenteil. Meine Partner oder Freunde, meine Eltern oder Bekannten haben mich ja nicht verloren. Ganz im Gegenteil, sie haben einen 1.000.000.000 mal glücklicheren Menschen bekommen.

Diese Entscheidung und dann auch das sich geben als Frau, sich schminken und kleiden als Frau und das Hinaus gehen in die Welt als Frau, das alles hat mich im Inneren sehr krass verändert. Ich wurde quasi von einem Tag auf den anderen sehr selbstbewusst, trotzdem mein Passing am Anfang natürlich alles andere als gut war. Aber mit der Zeit in der mein Passing immer besser wurde, wurde auch mein Selbstbewusstsein immer mehr. Erinnere Dich was ich vorhin schrieb: Ich hatte NULL Selbstbewusstsein vorher.

Mit der Zeit in der mein Passing immer besser wurde, lernte ich mich selbst zu akzeptieren und zu lieben, ja wirklich zu lieben!

Wenn Du Dir einmal die Collage rechts anschaust, wirst Du sehen, wie ich mich im Laufe der Monate verändert habe, wie mein Passing immer besser wurde und man sieht auch, wie ich immer glücklicher werde. Das Bild vom November 2016 ist auch jetzt noch, Mitte März 2017, mein absolutes Lieblingsbild von mir, ich liebe es!

Seit einigen Monaten, mindestens seit ich meine Hormon-Ersatz-Therapie begonnen habe Ende Juni 2016, gefalle ich mir extrem gut auf Fotos (leider bisher nur auf Selfies)

Und nun kommt der Narzisstische Teil dieses Beitrags…

Ich bin extrem Selbstbewusst geworden. Ich gehe sehr gerne raus auf die Straße in volle Fußgängerzonen, treffe mich mit Freunden oder auch mit Fremden, erzähle sehr, wirklich sehr sehr gerne und offen von meinem Leben und meiner Transition, ich habe mich selbst dadurch lieben gelernt.

Ich bin offen geworden, sehr offen auch Fremdem gegenüber, ich kann mich auf einmal richtig artikulieren und mich unterhalten, ich verstecke mich nicht mehr, ich bin regelrecht extrovertiert geworden!

Wenn ich ganz offen und ehrlich schreiben darf – und da dies mein Blog ist, tue ich das auch einfach – muss ich sogar sagen, das ich mich als Frau ausgesprochen hübsch finde. Ich habe ein wahnsinns Fahrgestell, einen richtig knackigen Po und ein, solange ich geschminkt bin, hübsches Gesicht, tolle Haare. Und obenrum wächst es und gedeiht fröhlich vor sich hin.

Wäre ich ein Kerl – und glücklicherweise bin ich das ja nicht – würde ich mich süße Schnitte nicht von der Bettkante stoßen wollen.

Tja, ich hatte Dich gewarnt, das ist Selbstverliebtheit!

Aber genau das ist das Tolle! Was alleine diese Entscheidung, diesen Weg zu gehen und dann auch die Hormone alles mit mir angestellt haben, ist der absolute Oberhammer. Ich habe mich sehr, sehr krass verändert und die meisten sagen, das ich endlich, endlich ich selbst geworden bin und keine Maske mehr aufhabe.

Ich bin wahnsinnig, wirklich wahnsinnig glücklich, das ich diese Entscheidung getroffen habe und auch darüber, wie ich mich verändert habe. Leider haben nicht alle Transfrauen so viel Glück mit dem Passing und dem Äusseren, wie ich.

Und ich glaube wirklich, das ich mir dieses Glück, diese Zufriedenheit und dieses Seelenwohl nach diesen vielen Jahren des Versteckens, des Unterdrückens und des Trauerspiels, endlich auch verdient habe.

Liebe Freunde, Partner, Bekannte, Eltern und sonstige Verwandte,

habt bitte keine Angst vor den Veränderungen, die Euer Kind, Partner, Bruder, Schwester oder Freund durch machen wird und durchleben wird!

Diese Veränderungen machen die Person Eures Lebens zu einem wirklich glücklichen Menschen, zu einem Menschen der endlich keine Maske mehr trägt und sich nicht krampfhaft bemüht dem Bild des Geburtsgeschlechts zu entsprechen, sondern sie machen ihn zu einem Menschen der endlich aufblüht, das Leben geniesst, glücklich ist vor allem mit sich selbst und dadurch auch für Euch zu einem glücklichen Menschen wird, den Ihr nur noch mehr lieben werdet!

Danke für Dein Interesse an meinem Leben, meiner Transition und danke, das Du versuchst, dieses Leben und die Veränderungen zu akzeptieren und anzunehmen.

In Liebe
Christin

Print Friendly, PDF & Email

Ersten Kommentar schreiben

Kommentar verfassen