Ich bin Transgender – Tipps wie Du mein Leben leichter machen würdest

Protesters gather in front of the White House on July 26, 2017, in Washington, DC. Trump announced on July 26 that transgender people may not serve "in any capacity" in the US military, citing the "tremendous medical costs and disruption" their presence would cause. / AFP PHOTO / PAUL J. RICHARDS

Hallo liebe*r Besucher*in,

bisher habe ich ja immer für „Leidensgenossen“ geschrieben und versucht ihnen Tipps, Ratschläge und Informationen an die Hand zu geben, die ihnen ihren eigenen Weg erleichtern sollen. Dieser Beitrag geht aber im Speziellen an die sogenannten Cis*gender Personen, also an jene „ganz normalen“ Personen die sich in dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht wohl fühlen und nichts daran ändern wollen. Eben an jene Personen, die in den seltensten Fällen verstehen können, was wir Transgender Personen durchmachen, wie wir uns fühlen oder wie man mit uns umgehen sollte.

Es gibt immer wieder Situationen in meinem Alltag, in denen ich konfrontiert werde mit Intoleranz, Ungläubigkeit, Unwissenheit oder einfach nur purer Ignoranz. Manchmal – und das ist dann schon wieder süß – ist es auch einfach nur Tollpatschigkeit. Mit diesem Beitrag geht es mir darum Tipps, Ratschläge und Informationen an die „normalen“ Frauen und Männer dort draußen weiter zu geben, die nicht nur mir oder allen anderen Transgender Personen, sondern wirklich uns allen das (Zusammen-)Leben erleichtern und peinliche Situationen vermeiden sollten.

Ich bin Transgender und ja, viel zu oft ist für mich der Alltag wie ein Spießrutenlauf. Ich muss ständig irgendwelche Hürden überwinden, die einfach unnötig sind, die mir aber großes Unbehagen bereiten und meinen Alltag erschweren. Diese Hürden sind aber – anders als beim Hindernislauf im Sport – für die Meisten unsichtbar.

Stell Dir vor, liebe*r Besucher*in, Du bist eine Frau mit einer sehr tiefen, männlichen Stimme und einem grauen Bartschatten, der durch das Makeup schimmert. Ständig müsstest Du Dich erklären, beim Arztbesuch, im Café, beim Einkaufen, beim Treffen mit Bekannten oder der Familie Deines neuen Lebensgefährten. Stell Dir vor du bist ein Mann Mitte 30, bist nur 160 cm groß und hast offensichtlich Wölbungen auf der Brust, die da nicht hingehören. Diese ständigen Blicke auf der Straße in den Fußgängerzonen oder der Misstrauische Blick des Verkäufers in der Männer-Abteilung.

Ständig muss ich mich erklären, mein Geschlecht erklären, beim Arztbesuch, wenn die Sprechstundenhilfe nicht weiß, wie sie mich aufrufen soll. Ständig muss ich erklären, wer oder was ich bin, wenn ich in der Frauenabteilung Kleidung in Größe 48 suche oder Schuhe in Größe 45. 

Mit ein bisschen Sensibilität und Toleranz könnte das alles und noch viel mehr, für uns alle, so vieles leichter und einfacher sein.

1. Toleranz gegenüber allem Andersartigem

Es gibt auf dieser Erde eben nicht nur Schwarz oder Weiß. Die Welt ist bunt und vielfältig, genauso wie das Leben. Frei nach dem Motto aus „Bill und Teds verrückte Reise durch die Zeit“:

Bunt ist das Dasein und granatenstark!

Es gibt Afro-Amerikaner, Asiaten, Europäer… es gibt Engländer, Schweizer, Polen, Amerikaner, Mexikaner, Dänen, Türken, Deutsche… es gibt Christen, Islamisten, Moslems, Juden, Buddhisten…. es gibt Schwule, Lesben, Pansexuelle, Heteros… Es gibt Audi, Opel, VW, Trabbies… es gibt Arme und Reiche… es gibt Rosen, Orchideen, Ameisen, Elefanten… es gibt Frauen, Männer, Agender, Bigender, Inter, Non-Binaries… tja und eben auch Transgender, Transsexuelle Personen. Wir alle leben auf einer Welt und müssen miteinander auskommen. Ich weiß, da ist der fromme Wunsch Ursprung des Gedankens, aber es muss doch möglich sein, friedlich und tolerant nebeneinander zu leben.

Erwarte das Unerwartete und freue Dich einfach über die Vielfältigkeit des Lebens. Andersartigkeit ist nichts Schlechtes. Es ist genau so normal, wie Du es bist. Bitte höre auf uns anzustarren und dabei ungläubig den Kopf zu schütteln. Wir sind schon lange keine Exoten mehr und auch nicht im Zirkus.

2. Benutze das richtige Pronomen

Vor Dir steht ganz offensichtlich eine Frau. Sie ist hübsch geschminkt, trägt Stiefeletten mit acht Zentimeter Absatz, hat lange, rot gefärbte Haare, einen schönen Rock und eine Bluse an. Du magst sie vielleicht sogar hübsch finden, anziehend. Doch dann beginnt sie zu sprechen. Du machst kurz die Augen zu und siehst einen Kerl vor Deinem inneren Auge… und schon ist es geschehen, Du sprichst sie direkt mit „Herr“, „er“, „ihn“ oder ähnlichen, männlichen Pronomen an.

Du kannst Dir gar nicht vorstellen, was solch ein winzig kleines, für Dich völlig unbedeutendes Wort, die falsche Anrede, das falsche Pronomen, in uns anrichtet und in uns auslöst. Es stürzen in einem ganze Welten zusammen… die Hoffnung, endlich als Frau angesehen zu werden wird komplett, auf brutalste Weise zerstört.

Wenn Du Dir nicht sicher bist, wie Du jemanden ansprechen sollst, dann frag doch bitte einfach nach! Eine kurze Frage wie „Wie möchten Sie angesprochen werden?“, löst sämtliche Probleme und Krisen die durch eine falsche Anrede ausgelöst werden.

Diese eine kurze Frage zeigt uns, das Du Dich für unser Wohlbefinden interessierst, das es Dir nicht egal ist, wie es uns geht und das Du verstanden hast, wie es uns geht! Ich freue mich jedesmal sehr, wenn mir diese kleine Frage gestellt wird.

Aber Vorsicht! Nimm die Person die Du fragen möchtest zur Seite. Stelle die Frage unter vier Augen. Denn sonst riskierst Du die Person in große Verlegenheit zu bringen oder gar ein ungewolltes Outing der Person gegenüber Fremden. 

3. Ich weiß sehr wohl selbst, das ich normal bin

Es gibt immer wieder Situationen, wo ich mich ungewollt outen muss, wo ich erklären muss, das ich eine Transgender Person bin, also eine Frau in einem männlichen Körper. Sei es beim oben erwähnten Arztbesuch oder in der Damenabteilung eines Kaufhauses. Sobald man meine Stimme hört, ist die beste Tarnung, das beste Passing vorbei und der vermaledeite männliche Körper verrät sich selbst.

Meinst Du wirklich ich will dann hören, wie normal ich trotz alle dem bin? Möchte ich dann von Dir eine Erklärung hören, wie tolerant Du doch bist und das Du kein Problem damit hast?

Nein, das möchte ich definitiv nicht hören, auch wenn Du es wahrscheinlich nur lieb meinst. Lass doch einfach Taten sprechen und behandle mich einfach ganz normal so wie Du jede andere (Cis-)Frau oder -Mann behandeln würdest, ohne darauf zu achten, ob die Stimme nun zum Aussehen passt oder nicht! Erwähne mir gegenüber nicht, das Du gemerkt hast, das bei mir etwas nicht zusammen passt und wie tolerant Du darüber bist. Zeige es mir stattdessen dadurch, das Du gar nicht reagierst sondern mich einfach ganz normal behandelst, wie jeden anderen auch!

4. Zuerst denken, dann den Mund auf machen

Im November 2015, einen Monat nach meinem Coming Out, hatte ich eine Begegnung der „Dritten Art“, meine erste, wirklich negative Reaktion auf mich. Damals war ich gerade bei uns hier im Bürogebäude auf der Damentoilette, war fertig mit meinem Geschäft und wollte, nach dem obligatorischen Händewaschen, die Toilettenräumlichkeiten verlassen, als just in dem Moment die Tür auf ging und eine Frau herein kam, die ich von meinen Raucherpausen her schon kannte.

Sie stutzte und starrte mich dann entgeistert an. Dann fuhr sie mich an: „Was denken Sie sich denn eigentlich?? Sind Sie denn schon operiert??“.

Liebe*r Besucher*in, damals fiel mir der Putz aus dem Gesicht vor Schreck, Schamgefühl und auch Angst. Deshalb konnte ich darauf nichts erwidern und flüchtete einfach, ohne ein Wort zu sagen. Vor gar nicht langer Zeit, um Anfang August 2017 herum, also vor gerade vier oder fünf Wochen hatte ich ein ganz ähnliches Erlebnis. Doch damals lief es dann doch etwas anders ab:

Sie: „Sind Sie hier nicht falsch???“

Ich: „Warum sollte ich hier falsch sein?“

Sie: „Sie sind doch keine Frau, oder?“

Ich: „Oh, sind wir vielleicht ein wenig transphob?? Wonach sehe ich denn sonst aus? Mal ganz davon abgesehen, das es zum Glück noch kein Gesetz in Deutschland gibt das verbietet, das Männer in die Frauentoilette gehen, oder davon abgesehen das Frauen in Discos sehr gerne auf die Männertoilette gehen, weil die Frauentoilette total überfüllt ist, oder ganz davon abgesehen, das ich hier in Frauenkleidung, tollem MakeUp, mit weiblicher Frisur, hübsch gestylten Fingernägeln und hohen Stiefeletten vor Ihnen stehe, oder mal ganz abgesehen davon das Sie jetzt auch nicht wie Aphrodite persönlich aussehen, oder auch mal abgesehen davon das es Sie einen Scheissdreck angeht, was ich zwischen meinen Beinen habe oder nicht habe… hier mein Ausweis, mein Führerschein, meine Krankenkassenkarte, meine Bankkarte, meine Kreditkarte und mein Fahrzeugschein! …reicht Ihnen das? Danke.“

Was ich damit sagen will ist, niemanden geht es etwas an, was ich zwischen den Beinen habe oder nicht habe! Es gibt Dinge, die sind einfach Privat und müssen Privat bleiben. Und genau so gibt es natürlich demnach auch Fragen, die man nicht stellen sollte.

Auch solche Feststellungen wie „Sie müssen aber eine schwere Kindheit gehabt haben“, sind völlig unnötig. Natürlich hatte ich die.

Bitte zuerst denken, dann reden.

5. Der Tollpatsch schlägt zu – Versprecher sind nicht schlimm!

Jeder macht mal Fehler, keine Frage. Und natürlich bin auch ich davor nicht gefeit. Sollte Dir doch einmal ein falsches Pronomen, die falsche Anrede herausrutschen, ist das nicht schlimm, es ist menschlich. Aber bitte sei denn wenigstens so umsichtig dich auch zu verbessern und dich kurz zu entschuldigen.

Ich halte niemanden für grundsätzlich Böse oder unterstelle jemandem grundsätzlich böse Absichten. Jeder macht Fehler – Fehler sind Menschlich.

Und sicher ist dieser Tipp für die Meisten auch nichts Neues, trotzdem gerate ich immer wieder in Situationen wo mir genau so etwas passiert. 

6. Ignoriere mich und meine Identität, meine Wünsche nicht!

Wenn Du auf mein richtiges Pronomen, die richtige, für mich passende Anrede hingewiesen wurdest, dann halte Dich bitte auch daran. Es ist wirklich wichtig für mich, für uns Transgender Personen, dass Du Dir diese Information zu Herzen nimmst und beachtest, bzw. dich daran hältst.

Mit das Wichtigste für uns Transgender Personen ist unsere Identität. Und gerade Namen und Anreden, Pronomen machen den grössten Teil der offensichtlichen Identität aus. Der Identität, die nach außen hin sichtbar ist und auch Fremden gegenüber vertreten wird.

Wenn dieser mit wichtigste Teil konsequent von Dir ignoriert werden würde, wäre das wirklich schlimm für mich und eine außerordentliche, psychische Belastung.

Es ist extrem wichtig für mich, von Dir in meiner, von mir gewählten Identität erkannt und respektiert zu werden.

Es ist extrem wichtig für mich, sein zu dürfen, wer ich nun mal bin.

 

Danke für Dein Verständnis!

*Kisses*
Christin

 


Dieser Artikel wurde inspiriert von einem Artikel von Lukas Leslie auf bento.de. Er wurde nicht kopiert, sondern mit eigenen Worten, eigenen Erlebnissen und eigenen Meinungen und Wünschen neu geschrieben.

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