Transgender Hormon-Ersatz-Therapie – HET 1×1 – Östrogen & Testosteron

Guten Tag liebe*r Besucher*in,

da ich nach wie vor auf meinen Termin für die abschließende, geschlechtsangleichende Operation in München-Bogenhausen bei Dr. Liedl warte und deshalb zuviel nachdenken muss und mich ablenken muss, habe ich beschlossen, Dir einmal einen Ratgeber zu den Hormonen die wir nehmen müssen, an die Hand zu geben.

Dieses HET 1×1 (Hormon-Ersatz-Therapie oder auch HRT) stellt natürlich definitiv nicht den Anspruch vollständig oder allwissend zu sein. Es soll Dir nur anschaulich erklären, was die Hormone sind, wie sie wirken, was sie auslösen können und wie man sie dosieren sollte.

Was sind Hormone?

Der menschliche Körper produziert eine Unmenge an verschiedenen Hormonen in einem ganzen System und Netzwerk an Drüsen oder ähnlichen Organen. Alle Hormone werden von den entsprechenden Produzenten direkt an den Blutkreislauf übergeben, damit sie schnell durch den gesamten Körper transportiert werden. Alle Hormone erfüllen natürlich einen bestimmten Zweck im Körper, wie zum Beispiel der Knochenbau oder Muskelaufbau. Auch der gesamte Stoffwechsel wird durch verschiedene Hormone gesteuert.

Neben all diesen vielen Hormonen gibt es eine spezielle Familie an Hormonen, genannt die Sexualhormone.

Das männliche Sexualhormon heißt Testosteron und wird in den Hoden produziert. Es sorgt für die Spermienproduktion und für eine männliche, aktive Libido. Während der Pubertät des männlichen Körpers sorgt Testosteron außerdem dafür, das der Stimmapparat „kaputt“ gemacht wird. Der junge, männliche Körper kommt in den Stimmbruch, die Stimme senkt sich und auch die Art zu Sprechen verändert sich. Es beginnen die Scham- und Barthaare zu wachsen und der Muskelaufbau beschleunigt sich stark. Die Haut wird grob-poriger und die Kopfbehaarung dicker.

Das weibliche Sexualhormon heißt Östradiol oder Östrogen, wird in den Eierstöcken produziert und sorgt dort für die Produktion von Eiern. Während der weiblichen Pubertät sorgt es für den Aufbau des Brustgewebes und der Milchdrüsen in den Brüsten. Es sorgt außerdem dafür, das die Haut ihre feine, weibliche Struktur behält und die Haare fein und dünn bleiben.

Der männliche Körper produziert ebenfalls eine sehr geringe Menge an Östrogen in den Nebennieren, genau so wie der weibliche Körper ebenfalls eine sehr geringe Menge an Testosteron produziert.

Welche Effekte haben die natürlichen Sexualhormone?

Neben den oben genannten Effekten während der Pubertät, haben die Sexualhormone auch noch eine ganz wichtige Aufgabe während des Heranwachsens in der Fruchtblase vor der Geburt.

So sorgt Testosteron für die Vermännlichung des Föten. Es sorgt für die Ausbildung der männlichen Geschlechtsorgane wie Penis, Hoden. Da vor dieser spezifischen Ausbildung der Geschlechtsorgane ein Fötus beiden Geschlechtern angehört, sorgt der Mangel an Testosteron bei weiblichen Föten für die Ausbildung der weiblichen Geschlechtsorgane wie Vagina, Gebärmutter und Eierstöcke.

Während der Pubertät werden dann von diesen Sexualhormonen, wie oben bereits angedeutet, die sekundären Geschlechtsmerkmale wie Brust- und Schambehaarung, Brustaufbau und Milchdrüsen ausgebildet.

Was ist das Ziel der Hormon-Ersatz-Therapie bei Transgender Personen?

Die Hormon-Ersatz-Therapie (HET) hat eigentlich nur ein ganz simples Ziel. Es geht darum, sich in seinem angeborenen Körper so wohl wie möglich zu fühlen, sowohl körperlich als auch seelisch und psychisch.

Es mag sein, dass Du Dich in Deinem eigenen Körper nicht wohl fühlst. Vielleicht fühlst Du Dich nicht wohl mit Deinem männlichen (oder weiblichen) Aussehen oder Du magst Dich in der Dir angeborenen Geschlechterrolle als Mann (oder Frau) nicht wohl zu fühlen.

Beide Faktoren – Dein Aussehen oder Deine Geschlechterrolle – stehen eventuell im Konflikt mit dem, was Du innerlich fühlst und wünschst, bzw. ob Du Dich als Frau (oder als Mann) fühlst. Dies nennt man die Geschlechtsidentität.

Es ist möglich, dass Du mit diesem Konflikt, mit dieser falschen Geschlechtsidentität bereits seit vielen Jahren lebst. Und nun endlich drängt es Dich danach, Dir Hilfe zu suchen oder dieses Problem zu beheben.

Sollte dies alles auf Dich zutreffen, dann ist die Hormon-Ersatz-Therapie oder die Zugabe eines gegengeschlechtlichen Sexualhormons (Testosteron bei einem Transmann oder Östrogen bei einer Transfrau) eine Möglichkeit um Deinem Wohlbefinden Deinem gefühlten Geschlecht ein Stück näher zu kommen.

Zusätzlich zur Zugabe des gegengeschlechtlichen Sexualhormons ist es in der Regel sinnvoll, das ursprüngliche, eigene Sexualhormon zu blockieren, damit das gegengeschlechtliche Sexualhormon eine bessere und effektivere Wirkung hat.

Die Hormon-Ersatz-Therapie ist für gewöhnlich das Allererste was sie benötigen um ihrer gefühlten Geschlechtsidentität nahe zu kommen. Bei manchen Transgender Personen ist es auch die einzige Maßnahme und sie erachten diese Maßnahme als ausreichend.

Welche physischen Effekte wird die HET auf dich haben?

Bist Du eine Transfrau, also eine Mann-zu-Frau Transgender, so wird die HET dir dabei helfen, weiblicher zu werden und auszusehen. Bist Du ein Transmann, also ein Frau-zu-Mann Transgender, so macht Dich die HET männlicher in Deinem Erscheinungsbild.

Wie auch immer, egal ob Du eine Transfrau oder ein Transmann bist, Du musst Dir immer darüber im Klaren sein, wo die Grenzen sind und was für Veränderungen Du erwarten kannst.

Trotzdem die Hormon-Zugabe im Alter dafür sorgen kann, dass Deine Knochen gesund und stabil bleiben, so wird sie Dich niemals in Deiner Größe oder Breite verändern. Ein Schrank von einem Kerl wird immer ein Schrank von einer Frau bleiben.  🙂

Transfrauen

Auf Transfrauen, also Mann-zu-Frau Transgender, hat das weibliche Sexualhormon Östrogen folgende Effekte:

  • Körperfett wird umverteilt und setzt sich mehr an Hüfte, Po und Oberschenkeln ab.
  • Die Größe des Penis und der Hoden kann sich reduzieren, die Hoden schrumpeln förmlich zusammen.
  • Erektionen und Orgasmen werden mit der Zeit immer weniger und schwieriger.
  • Der Muskelaufbau wird stark reduziert.
  • Die Brust, Warzenhöfe und Warzen bilden sich zu einer weiblicheren Brust aus.
  • Körperhaarwuchs an Beinen, Armen, Brust, Bauch und Bart wird etwas reduziert, die Haare werden feiner
  • Das Hautbild, vor allem im Gesicht verfeinert sich, Poren werden kleiner.
  • Haarausfall kann aufhören, Glatzen können sich wieder mit Flaum und Haaren füllen.

Es ist zu beachten, das sich die Stimme bei Transfrauen nicht mehr verändert. Durch die erste, männliche Pubertät ist der Stimmapparat kaputt gemacht worden, was eine weibliche Pubertät nicht wiederherstellen kann. Auch der Bartwuchs lässt sich durch die HET leider nicht beeinflussen.

Transmänner

Auf Transmänner, also Frau-zu-Mann Transgender, hat das männliche Sexualhormon Testosteron folgende Effekte:

  • Körperfett verteilt sich mehr Richtung Bauch und Hüfte
  • Bartwuchs und Körperbehaarung nehmen zu.
  • Haarausfall bei der Kopfbehaarung kann ein Effekt sein.
  • Die Klitoris kann sich deutlich vergrößern.
  • Die Libido wird deutlich ausgeprägter und aktiver.
  • Der Muskelaufbau nimmt drastisch zu.
  • Der Stimmapparat verändert sich, die Stimme wird tiefer, männlicher.
  • Die Periode setzt vollständig aus, ab und zu kann es aber noch zu Blutungen kommen.
  • Eventuell Akne-Bildung.

Regelmäßige Besprechungen mit Deinem Endokrinologen inklusive der Bestimmung der aktuellen Hormonwerte, ist sehr wichtig und hilft zu entscheiden, wie hoch die Dosis sein sollte und ob die HET das für Dich Richtige ist.

Du kannst jederzeit aufhören

Sobald Du Dich aufgrund der Hormonzugabe besser fühlst, physisch und psychisch, ist dies ein sehr gutes Zeichen für Dich und Deinen Hormonarzt (Endokrinologen), dass die Hormon-Ersatz-Therapie das Richtige für Dich ist und ihr auf dem richtigen Weg seid, was die Dosierung angeht.

Du und Dein Arzt, insbesondere aber natürlich Du, ihr müsst Euch da absolut sicher sein, ob Ihr die HET fortführen wollt. Denn die Behandlung wird irgendwann dafür sorgen, das die meisten oder alle oben aufgeführten Effekte und Veränderungen eintreten. Einige davon kommen erst nach Monaten, manche sind unumkehrbar. Im Ganzen sind die Veränderungen am Körper erst nach vier bis fünf Jahren wirklich abgeschlossen. Die meisten Veränderungen gehen nur sehr, sehr langsam voran. Zum Bespiel dauert der Brustwachstum bei Transfrauen, vergleichbar mit der normalen Pubertät bei jungen Mädchen, in der Regel mindestens drei Jahre.

Faktisch gehen eben diese Veränderungen den meisten Transgender Personen einfach viel zu langsam. Sie sind schnell frustriert und depressiv und der Wunsch das Ganze abzubrechen, weil sie denken „es bringe eh nichts“ kann sich herauskristallisieren.

Beachte, das sich diese Veränderungen in der normalen, ersten Pubertät bei jungen Buben und Mädchen, über viele Jahre hin ziehen und genau so ist es natürlich auch bei der zweiten Pubertät durch die Hormon-Ersatz-Therapie.

Nichts desto Trotz kannst Du natürlich jederzeit diese Therapie ohne jegliches Risiko abbrechen, solange auch der Hormon-Blocker abgesetzt wird und sich das eigene, natürliche Sexualhormon im Körper wieder ausbreiten kann. Denn hat der menschliche Körper zu wenig oder gar kein Sexualhormon mehr im Blut, verursacht das Osteoporose, also Knochenschwund.

Deshalb ist es auch nie eine gute Idee – was leider viel zu viele Endokrinologen trotzdem tun – nur mit einem Hormonblocker anzufangen und diesen über Wochen oder gar Monate zu nehmen, ohne das gegengeschlechtliche Hormon zuzuführen.

Junge Transgender Personen vor der eigenen Pubertät

Solltest Du so jung sein, das Du noch vor Deiner eigenen Pubertät stehst – in der Regel vor dem zwölften bis vierzehnten Lebensjahr – und Deine Transidentität von deinen Eltern erkannt worden sein und solltest Du die volle Unterstützung Deiner Eltern genießen, bist Du in der unglaublich glücklichen Lage, Deinen Körper so in die richtige Richtung (Geschlechterrolle) „schubsen“ zu können, das man es Dir später mit ziemlicher Sicherheit nicht mehr anmerken wird.

Hierzu sollte man mit Beginn der eigenen Pubertät beginnnen, den entsprechenden Hormonblocker zu nehmen, also einen Testosteronblocker bei Transmädchen oder einen Östrogenblocker bei Transjungen. Dies hält die eigene Pubertät so weit auf, das dann eine Zugabe des gegengeschlechtlichen Hormons dafür sorgen kann, die entsprechend gegengeschlechtliche Pubertät statt der Eigenen zu beginnen. So würden all die negativen Effekte die das körpereigene Sexualhormon bei der eigenen Pubertät hervorgerufen hätte, verhindert.

Wirst Du immer diese Hormone nehmen müssen?

Ja. Wenn Du die feminisierenden Effekte von Östrogen oder die maskulierenden Effekte von Testosteron behalten und weiterbilden möchtest, musst Du bis an Dein Lebensende das entsprechende Hormon zu Dir nehmen.

Solltest Du die gegengeschlechtliche Operationen anstreben, also das Entfernen der Hoden und Ausbilden einer Neovagina bei Transfrauen oder das Entfernen der Eierstöcke, Gebärmutter und Brüste und den Aufbau eines Neopenis bei Transmännern, so wirst Du danach sehr wahrscheinlich auf den Eigen-Hormon-Blocker verzichten können. Aber wenn Du auf die Wirkung der gegengeschlechtlichen Hormone nicht verzichten willst, wirst Du diese bis an Dein Lebensende nehmen müssen.

Welche Risiken hat die Hormon-Ersatz-Therapie?

Im Normalfall birgt die Hormon-Ersatz-Therapie verschwindend geringe Risiken. Nichts desto Trotz wird hier ein Sexualhormon durch ein anderes Sexualhormon ausgetauscht, es finden Veränderungen im und am Körper statt und jeder Eingriff in den natürlichen Hormonhaushalt eines menschlichen Körpers birgt natürlich auch gewisse Risiken, wenn man Diesen unvorsichtig und ohne das entsprechende Wissen und die Verantwortung vornimmt.

So verursacht zum Beispiel der Entzug jeglichen Sexualhormons aus dem Körper, zum Beispiel bei Vergabe eines Blockers ohne das gegengeschlechtliche Pendant zuzuführen, Osteoporose, also Knochenschwund.

Bei Zuführung von Östrogen sind folgende Risiken bekannt, wenn auch selten

  • Thrombose
  • Schlaganfall
  • Lungenembolie
  • Beeinträchtigte Leberfunktion

Bei Zuführung von Testosteron sind folgende Risiken bekannt, wenn auch selten:

  • Polycythaemia (Überproduktion von roten Blutkörperchen)
  • Thrombose (deutlich seltener als bei Transfrauen)

 

 

 

 

 


Dieser Artikel wurde inspiriert von einem englischen Artikel. Dieser wurde übersetzt und mit eigenen Erfahrungen und Berichten ausgeschmückt.

 

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