Warum tue ich das alles? Warum präsentiere ich mich überall so offen? Warum verstecke ich mich nicht so wie die anderen?

Hallo liebe*r Besucher*in,

ich bekomme immer wieder Emails in denen ich gefragt werde, wieso ich das alles eigentlich tue. Viele fragen mich, wie ich mich so in der Öffentlichkeit zur Schau stellen kann – ja, sogar Bilder meines weiblichen Genitals so offen ins Netz stellen kann. Ich bekomme beinahe täglich Emails, teilweise sogar mit Hassbotschaften, Anfeindungen und Beleidigungen von anderen Trans*Personen, die nicht verstehen können wieso ich mich hier und in den anderen Medien wie Soziale Netzwerke, Radio, Zeitung oder sogar Fernsehen, so freizügig, offen und selbstverliebt präsentieren kann.

Nein, es sind nicht die Cis*Personen, also die die uns angeblich so wenig verstehen, die die Anfeindungen und Beleidigungen schicken, sondern Trans*Personen, Personen mit dem gleichen Hintergrund oder Problem, wie bei mir.

Andererseits bekomme ich aber dann auch wieder Emails, die mich richtig freuen und mir bestätigen das es wichtig und richtig ist, was ich tue. Sieh selbst:

Hallo Christin,
mutig aber wichtig hört sich erst einmal interessant an.
Aber das soll es nicht sein, ein interessanter Aufmacher.
Ich finde es mutig so offen wie du es machst mit der Tatsache Transgender umzugehen. Wichtig ist so eine offene Art, damit man einmal klar und objektiv in die Thematik eintauchen kann. Was ist wirklich nach der Op. Wie ist das Empfinden? Ist es das was ich mir für mich wirklich wünsche ? Danke für deine Seite und diese mutige und offene Darstellung eines Menschen. Ungeschönt zeigen wo liegen meine Wurzeln und was hat mich bewegt meinen Weg zu gehen....!
Ich habe deinen Blog gelesen und finde ihn enorm wichtig, so wie er ist.
Weiter so, auch wenn hier und da Entäuschungen kommen.
MfG, Xxxxxx

Vielen Dank an dieser Stelle an die Schreiberin dieser Email. Sie hat verstanden, wieso ich das tue was ich tue und wie ich es tue.

Dieser Beitrag soll nun ein für alle Mal erklären, wieso ich das mache.

Als ich mich im Oktober 2015 offiziell und vollständig geoutet habe und diesen Weg endlich begonnen habe, hatte ich natürlich schon sehr lange Zeit vorher, bereits seit 2007, versucht, mich über dieses Thema ausgiebig zu informieren, auch und vor allem um natürlich schlussendlich den richtigen „Fahrplan“ für mich zu finden.

Ich habe in diesen 8 Jahren – 2007 habe ich mich das allererste Mal gegenüber meiner Geschwister in Berlin geoutet, habe aber damals nicht den Mut gehabt, den Weg auch wirklich zu beginnen – ich habe in diesen acht Jahren sehr, wirklich sehr viel gelesen und gehört. Ich habe tausende von Artikeln, Blog- oder Foren-Beiträge, Lebensgeschichten gelesen und mich auch mit vielen, sehr vielen anderen Trans*Personen unterhalten um mich zu informieren und dabei die für mich wichtigen Informationen heraus zu filtern.

Und genau das war es auch. Ein sehr aufwendiges „Filtern“ der Informationen. Das Trennen von vielen, vielen unwichtigen und vor allem auch falschen Informationen von den verschwindend wenigen nützlichen und wichtigen Informationen, die mich weiter brachten.

Natürlich waren da auch sehr viele Geschichten dabei, die mich schockiert haben, mich erschreckt haben und die nicht gerade förderlich waren um den Mut aufzubringen, diesen Weg auch tatsächlich zu beschreiten. So waren da Geschichten dabei von Mobbing, Unverständnis, Intoleranz, Gewalt und sogar Vergewaltigungen, bis hin zu tatsächlichem brutalem Mord. All das nur aufgrund von Intoleranz und fehlender Akzeptanz. All das nur, weil die Gesellschaft, die „Freunde“ oder „Familie“ nicht verstehen wollten oder konnten, was Transsexualität bedeutet und die betroffene Person dann „bekehren“ oder „heilen“ wollten.

Trans*Kinder wurden (und werden) in der Schule gemobbt – ja sogar verprügelt. Trans*Frauen werden brutal zusammen geschlagen, vergewaltigt und in den Müll geworfen. Trans*Männer haben es schwer in einen typischen Männer-Beruf zu kommen oder werden genau so verprügelt oder mehr.

Neben solchen Horrorgeschichten die mir erzählt wurden, gab es nur sehr spärliche Informationen zu finden. So findet man sogar heute noch so gut wie keine Bilder von Trans*Frauen mit Ergebnissen nach der Operation. Sämtliche Informationen die den gesamten Trans* Weg ausmachen und bedeuten, musste ich mir – und muss man auch heute noch – zusammen kratzen von vielen, vielen verschiedenen Quellen. Und man musste natürlich auch Fehlinformationen heraus filtern.

Leider ist es so, das aufgrund von Anfeindungen und Intoleranz, die meisten Trans*Personen sich lieber verstecken, als öffentlich aufzutreten. Viele Trans*Personen die mit ihrem Weg auch bereits fertig sind, wollen dann einfach nur noch „stealth“ leben und als ganz normale Frauen oder Männer ihr Leben leben. Und so kommt es, das sich nur wenige dazu bereit erklären, für uns Trans*Personen auch und vor allem in der Öffentlichkeit einzustehen.

All dies in Zusammenhang mit meinem extrem stark ausgeprägten Helfersyndrom, meiner sehr ausgeprägten sozialen Ader, meiner sowieso schon immer vorhandenen exhibitionistischen und nudistischen Neigung und dem Bedürfnis nach Anerkennung hat mich dazu veranlasst, diese Methode der „Selbstdarstellung“ zu wählen, um anderen Betroffenen, anderen Trans*Personen so helfen zu können und alle (richtigen) Informationen unter einem Dach anzubieten.

Auch und vor allem aber – und das ist mir eigentlich sogar mit fast das Wichtigste an der ganzen Sache – möchte ich durch meine Präsenz, durch mein Wirken, durch meine Selbstdarstellung hier auf dem Blog oder auch in den Medien und auch durch meine Vorträge an Schulen und Universitäten dazu beitragen, das die Öffentlichkeit, die Gesellschaft, die Cis*Menschen um uns herum die uns Trans*Menschen nicht verstehen können und oftmals sogar als pervers oder abartig abstempeln, zeigen, das wir gar nicht so schlimm sind, das wir gar nicht diese abartigen, perversen Monster sind, als die sie uns sehen.

Seit dem ich diesen Weg im Oktober 2015 begonnen habe, versuche ich mich vor allem in diesem Bereich, dem Thema Transsexualität, möglichst sozial zu engagieren. So habe ich im September 2016 die Selbsthilfeinitiative Trans* SHG Hegau gegründet, die einzige Selbsthilfe im Umkreis von rund 100km, die inzwischen mehr als 35 Mitglieder aus der Region Hegau und Schwarzwald umfasst. Ich bin Beraterin bei der dgti e.V. – Der Deutschen Gesellschaft Für Transidentität Und Intersexualität e.V., bin 1. Vorsitzende des weltweit einzigen grenzüberschreitenden Christopher-Street-Day Konstanz/Kreuzlingen. Außerdem begleite ich inzwischen rund Hundert weitere Trans*Personen und deren Eltern und Familien deutschlandweit auf ihrem Weg in dem ich ihnen Rechtsberatung, Tipps und Ratschläge für die einzelnen, notwendigen Schritte mit auf den Weg gebe, Schmink- und MakeUp-Beratung oder auch Mode- und Stilberatung.

Jeden Tag höre oder lese ich von wieder einem neuen Anschlag auf die Menschenwürde oder von einem neuen, schlimmeren Auswuchs der Menschenfeindlichkeit. Und ich spreche hier nicht von Krieg und Zerstörung in den Dritte-Welt- oder den arabischen Ländern, was an sich schon echt schlimm genug ist. Aber davon wird in den Medien jeden Tag berichtet. Nein, ich spreche von Mord, Hass, Wut und groben Menschenrechts-Verstößen gegen alles was sich außerhalb der Geschlechternorm empfindet oder alles, was nicht in das altbackene, homo- und transphobe Bild eines Donald Trump oder eines Recep Tayyip Erdoğan passt.

Man liest beinahe jede Woche von einem hässlichen Übergriff auf Trans*Personen zum Beispiel in Berlin, Hamburg oder Leipzig. Sie werden zusammen getreten, krankenhausreif geschlagen und man muss als Trans*Person wie ich eine bin, inzwischen wirklich tagtäglich Angst davor haben, das einem selbst etwas Ähnliches passieren könnte.

  • 80% der Schüler/Studenten gaben an, Angst in der Schule/Hochschule zu haben

  • 58,7% der betroffen Personen wurden bereits mehrfach verbal öffentlich angegriffen

  • 55,2% der betroffen Schüler/Studenten wurden/werden in sozialen Medien gemobbt

  • 50,5% gaben an, einen Suizid schon ernsthaft in Erwägung gezogen zu haben

  • 35% der betroffenen Personen leiden unter starken Depressionen, wobei nicht die Transidentität als Grund für die Depressionen angegeben wird, sondern die erfahrene Diskriminierung Betroffener und die Psychopathologisierung von Transidentität

  • 33% der betroffenen Personen haben bereits schon einen Selbstmordversuch unternommen

  • 27,1% wurden körperlich angegriffen (z. B. grundlos an gerempelt, weggeschoben, umgestoßen)

  • 15,8 % leiden unter Essstörungen (extremes Übergewicht und Magersucht)

  • 12,4% wurden niedergeschlagen, getreten oder mit Waffen angegriffen

Ich tue dies alles einfach um zu helfen. Sowohl anderen Trans*Personen, als auch der breiten Öffentlichkeit, der Gesellschaft, damit sie lernt mehr Toleranz und die Akzeptanz uns gegenüber aufzubringen. Alles was ich tue, tue ich um die Welt einfach ein bisschen schöner, toleranter zu machen. Ja, so ist das.  🙂

Und ich danke allen, die mich dabei unterstützen!

*Kisses*
Christin

 

 

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1 Kommentar

  1. …und wieder ist die Welt ein wenig schöner geworden. Frau sollte nicht den schwarzen Punkt auf dem Blatt Papier sehen, sondern das Weiß oder die anderen schönen Farben.
    Ich frage mich, warum hier Kritik geäußert wird und warum gerade diese Menschen sich mit dem
    Thema auseinandersetzen.
    Wem es nicht gefällt, der MUSS hier nicht rumschnüffeln.
    Wir, die in der gleichen Situation sind, benötigen Informationen über das Trans-Thema. Egal in
    welcher Form. Es wird hier nichts „Sexistisches“ dargestellt, sondern Ergebnisse von Operationen.
    Niemand regt sich auf, wenn Lippen vor und nach einer Botox-Aufspritzung dargestellt werden, und
    niemand soll sich aufregen über Fotos vor und nach einer GaOP.
    Meine liebe Christin.
    Mach weiter so und lass Dich nicht beirren.
    Deine Fan-Gemeinde steht voll hinter Dir und die paar anderen Idi, äh Andersdenkenden…, sollen
    uns egal sein.
    Was wird gesungen –lass sie reden…
    Drück Dich ganz herzlich

    Stephanie

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