Lebenslauf

14.07.1972

Alexander Michael wird als dritter Sohn von H. und B. von Borcke in Berlin geboren. Leider gab es damals arge Probleme in der Familie, weshalb Alexander dann mit einem halben Jahr an das Jugendamt übergeben werden musste und von da an, in einem Heim in Berlin aufwachsen musste.

um Ende 1973 herum

Alexander von Borcke wird als Pflegekind von E. und R. Löhner aufgenommen und lebt fortan bei seinen neuen Eltern, die ihn dann um 1974 herum über Bonn bis hinunter nach Wilhelmsdorf „verschleppten“, wo er dann weiter aufwachsen durfte.

Am 14.03.1974 kommt dann sein Bruder Ansgar auf die Welt, das erste leibliche Kind seiner Adoptiveltern.

um Anfang 1975 herum

Alexander Michael von Borcke wird von den Löhners adoptiert und trägt von nun an den Namen Alexander Michael Löhner.

Die Löhners merken schnell, dass Alexander ein sehr aufgewecktes und vor allem musikalisches Kind ist. Sie ermöglichen Alexander das Lernen mehrerer Musikinstrumente, allen voran das Spielen der Geige (Violine), womit er bereits mit 4 Jahren beginnt. Er bekommt eine Privatlehrerin, die ihm das Notenlesen und das Geige Spielen beibringt. Mit 6 Jahren beginnt er dann teilweise über eine Musikschule, teilweise aber dann auch wieder mit einer (anderen) Privatlehrerin, Klavier zu spielen. Später wird er mit beiden Musikinstrumenten dann auch in Orchestern und Konzerten auftreten. 

Neben Geige und Klavier lernte Alexander in seinen Jugendjahren dann unter Anderem auch noch das Spielen der Gitarre, E-Gitarre, E-Bass und Schlagzeug.

Als Alexander sechs Jahre alt war, verschwand er einmal aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen für eine kurze Zeit. R. Löhner, sein Papa, suchte ihn daraufhin ganz verzweifelt. So verzweifelt, das er sogar eine Bekannte der Familie anrief und ihr am Telefon wortwörtlich ganz verzweifelt sagte: „Hilfe, mein Alex ist verschwunden!“ – Daran alleine war zu erkennen, wie sehr R. Löhner seinen Adoptivsohn liebte.

Mitte bis Ende 1979

Alexander kommt mit 7 Jahren in die 1. Klasse der Grundschule Wilhelmsdorf. Irgendwann in der 2. Klasse „heiratet“ er dann seinen Schwarm Damaris auf dem Schulhof, in die er sich damals übelst verschossen hatte. Ein späterer Liebesbrief, den er ihr mit 14 oder 15 überbrachte, wurde mit dem ersten Korb beantwortet, den er einkassieren musste.

Auch damals in der Grundschule schon, war Alexander ein sehr eigenbrötlerisches, verschlossenes, introvertiertes und verträumtes Kind. Er saß meistens alleine auf dem Schulhof herum, während die anderen Kinder zusammen spielten. Wenn er dann doch einmal sich dazu aufraffte und irgendwo mitspielte, war er in der Regel bei den anderen Mädchen und spielte mit ihnen „Himmel und Hölle“, Seilhüpfen oder Gummitwist. Irgendwie traute er sich nicht so recht zu den Jungs….

Mitte bis Ende 1983

Aufgrund seiner guten schulischen Leistungen, kommt Alexander in die 5. Klasse auf dem Gymnasium Wilhelmsdorf. Seine Verschlossenheit und Introvertiertheit vertieften sich noch mit jedem Jahr, das über das Land zog. Er zog sich immer mehr zurück und saß die meiste Zeit nur da und träumte vor sich hin.

Wenn Alexander etwas falsch gemacht hatte oder etwas angestellt hatte, ihm irgendetwas vorgeworfen wurde und es darum ging sich zu verteidigen oder zu rechtfertigen, tat Alexander nichts Dergleichen. Er konnte sich nicht artikulieren, jedenfalls nicht verbal. Er hatte viel zu große Hemmungen davor dann irgendetwas zu sagen oder zu tun. Er saß einfach nur da und ließ jede Standpauke über sich ergehen, ohne einen Ton von sich zu geben.

Die Familie Löhner wohnte zu der Zeit direkt auf dem Schulgelände der Realschule und des Gymnasium Wilhelmsdorf. Damals gab es auch noch das K.I., das Knabeninstitut, ein Internat das direkt an die Schulen angeschlossen war und R. Löhner, sein Papa, war dort auch als Hausleiter eines der Internatshäuser tätig. Es gab dort auch ein Haus nur für die Mädchen, es nannte sich Zinsendorfhaus oder kurz einfach nur Zinse. Alexander war fast jeden Tag dort im Zinse, hielt sich dort auf und unternahm was mit den dortigen Mädchen oder saß dort mit ihnen zusammen und hörte einfach nur Musik.

Alexander merkte damals schon, das irgendwas mit ihm nicht stimmte. Er war neidisch auf die Mädchen im Zinse und auf seine Mitschülerinnen. Er wollte auch Kleider anziehen und lange Haare haben…….

Auch seine Eltern merkten, das etwas mit ihm nicht stimmte. Seine Verschlossenheit, seine Introvertiertheit, sein Abblocken jeglicher Kommunikation sowie natürlich auch seine viel zu weiche und sensible Art machten ihnen Sorgen. Und so schickten sie ihn im Laufe der Jahre zu mehreren Psychologen, die aber alle nicht helfen konnten. Niemand konnte ihnen sagen, was mit ihm los war, geschweige denn helfen.

Sommer 1987

Alexander Löhner, inzwischen kurz vor seinem 15. Geburtstag, war auf einem Schüleraustausch in einem Nebenort von Paris, Frankreich, für ein halbes Jahr. Eines Tages saß er in einem Park in Paris auf einer Parkbank und träumte so vor sich hin, wie er es sehr oft tat, als sich auf einmal ein etwa 30-jähriger Franzose neben ihn setzte. Dieser saß dort zunächst schweigend für etwa zehn Minuten, bis er dann auf einmal näher rutschte und Alexander in den Schritt fasste. Alexander saß da wie erstarrt, bewegte sich keinen Millimeter und sagte keinen Ton. Er hätte ganz einfach aufstehen und weggehen können, doch er tat es nicht.

Kurz darauf, nahm der Mann seine Hand und zog ihn mit sich. Auch hier war keine Gewalt im Spiel und Alexander hätte einfach wegrennen können, doch er tat es nicht, er liess sich weg führen, bis zu einem Haus mit einer kleinen Wohnung, wo der mann ihn dann zu einem Bett bugsierte und begann ihn auszuziehen. Als er damit fertig war, zog er sich selbst aus.

Es folgten zwei oder drei Stunden, an die sich Alexander nur noch bruchstückhaft erinnern kann, bis er dann auf einmal auf die Uhr schaute, wie von der Tarantel gestochen hoch fuhr, sich anzog und hastig zum Bus rannte, der ihn wieder in diesen Nebenort von Paris bringen sollte. Wenn jemand Interesse daran hat, was genau damals passiert ist, möge man bitte die Email-Adresse im Impressum nutzen oder mich auf Facebook kontaktieren.

Jedenfalls hat dieses Erlebnis, das er bis vor etwa einem Jahr niemandem erzählt hat, auch seinen Eltern nicht, einen Schalter bei ihm umgelegt und bei ihm dafür gesorgt, sich noch inbrünstiger das zu wünschen, was er zuvor schon nur als Neid empfunden hatte. Was ihn daran aber am meisten geschockt hatte war nicht die Quasi-Vergewaltigung an sich, sondern vor allem die Tatsache, das es ihm gefallen hatte.

Zudem befand er sich nun auch in seiner Pubertät und seine Stimme und sein Körper veränderten sich langsam. Er empfand diese Veränderungen als ganz besonders schlimm. Er hielt sie schlichtweg für falsch, konnte jedoch mit niemandem darüber reden.

Alexander wirkte auf seine Mitschüler wohl schon immer etwas merkwürdig, etwas weiblich womöglich. Spätestens seit diesem Erlebnis jedoch ging dann auch das Mobbing in der Schule los. Er war meistens der Älteste in der Klasse und aufgrund seiner Statur auch immer schon eher der Beschützer der Schwächeren und Jüngeren an der Schule. Dies machte ihn auch nicht gerade zum besten Freund der Gleichaltrigen oder Älteren.

Ebenfalls zu dieser Zeit lernte Alexander gerade Teak Won Do in Pfrungen in einem Dojo, das es heute nicht mehr gibt. Er lernte dort die „Kunst“ der Selbstverteidigung und brachte es darin innerhalb von vier Jahren bis zum 2. Dan. Ich weiß allerdings nicht mehr, welchen Gürtel Alexander bei dem folgenden Erlebnis besaß oder ob dieser ihm überhaupt dabei geholfen hätte. Er müsste mindestens den blauen oder roten Gürtel gehabt haben. 

Es gab ein weiteres, sehr prägendes Erlebnis in diesem Alter für Alexander. Seine Eltern, sein anderthalb Jahre jüngerer Bruder Ansgar und sein 10 Jahre jüngerer Bruder Adrian und er waren irgendwann zu dieser Zeit (+/- max. ein Jahr) in Jugoslawien (Istrien) im Urlaub. Es gab dort eine ausgeprägte Landzunge und eine große Meeresbucht, wo der Campingplatz war. In diesem Urlaub lernte Alexander das Wasserski fahren (oder laufen?). Neben dem Campingplatz gab es eine Diskothek, wo Ansgar und er ab und zu am Abend dann waren.

Eines Abends, wieder in dieser Disko, rempelte Alexander aus Versehen einen mindestens drei oder vier Jahre älteren Jugoslaven auf der Tanzfläche leicht an. Dieser beschwerte sich lautstark und drohte ihm. Alexander blieb ganz ruhig, entschuldigte sich und zog sich wie immer zurück. Er saß den restlichen Abend nur noch am Rand und schaute den Tanzenden zu. Als es dann Zeit wurde zu gehen, zum Zelt und Wohnmobil zurück zu gehen, sah er diesen Jugoslaven schon am Ausgang der Disko stehen, zusammen mit drei weiteren Freunden, alle etwa mindestens drei Jahre älter als Alexander.

Alexander nahm seinen kleineren Bruder Ansgar auf die Seite und sagte ihm, das wenn irgendetwas wäre, er sofort Richtung Wohnmobil ihrer Eltern losrennen sollte und ja nicht stehen bleiben sollte. So gingen sie dann zum Ausgang der Diskothek, hinaus auf den Parkplatz und wandten sich dann Richtung Campingplatz. Alexander hörte, ohne sich umzudrehen, dass die vier Jugoslaven ihnen folgten. Plötzlich bekam Alexander einen Tritt in den Rücken, der ihn taumeln ließ aber er ging nicht zu Boden. Er gab Ansgar einen Stoß und sagte nur „renn“, dann drehte er sich um.

Die vier Jugoslaven begannen auf Alexander einzuschlagen und ihn zu treten, bis er irgendwann zu Boden ging. Auch da traten sie noch mehrmals auf ihn ein, bis sie von ihm abließen und abhauten.

Das Erschreckende für Alexander daran im Nachhinein war nicht so sehr die Brutalität der Jugoslaven an diesem Abend, sondern die Tatsache, das Alexander einfach nur da stand und sich nicht gewehrt hatte. Er stand da und kassierte die Prügel und Tritte ohne auch nur einen Mucks zu machen oder einen Ton zu sagen.

Dieses Erlebnis machte etwas mit ihm, das, wäre es nicht passiert, ihn seinen Weg zur Frau wohl schon zu diesem Zeitpunkt hätte starten lassen. Er wurde zum Mann – oder zumindest versuchte er ab diesem Zeitpunkt krampfhaft, dem Bild eines jungen Mannes zu entsprechen, obwohl er innerlich immer wusste, das er das nicht war, nicht sein wollte.

Er begann exzessiv Sport zu treiben, trat dem Schulsportverein Wilhelmsdorf bei und verschrieb sich der Leichtathletik, dem 4-Kampf (100m-Sprint, Weitsprung, Hochsprung und Kugelstoßen). Er machte Wettkämpfe mit und kassierte eine Medaille oder Urkunde nach der Anderen. Später im Alter von 17 Jahren wurde er so sogar Deutscher Junioren Vize Meister im Hochsprung und Dritter im 100m-Sprint bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin.

1989

Alexander Löhner schließt seine schulische Laufbahn mit dem Abschluss der Mittleren Reife am Gymnasium Wilhelmsdorf ab. Seine Noten waren überdurchschnittlich gut und er hätte völlig problemlos weiter machen können, bis zum Abitur. Aber Alexander hatte keinen Bock mehr auf Schule und auf den damit verbundenen Stress. Und so suchte er sich eine typisch männliche Ausbildungsstelle zum Elektroinstallateur in Ravensburg.

Ab 1990

Alexander merkt, das der Beruf Elektroinstallateur nichts für ihn ist und auch aufgrund persönlicher Probleme mit den Mitarbeitern dort, bricht er schließlich die Lehre ab. Wegen irgendeiner seiner doch leider recht üblichen Kurzschlussreaktion haut er dann von Zuhause ab und begibt sich zuerst nach Konstanz, wo er Anfang 1991 eine Frau kennen lernt, die er drei oder vier Monate später dann sogar standesamtlich heiratet.

Alexander nahm durch diese Heirat den Nachnamen seiner Frau an und hieß von da an dann Alexander Michael Mieland.

Sie zogen kurz darauf gemeinsam nach Kehl am Rhein, wo die Ehe dann aber leider sehr schnell zerbrach, vor allem an der Tatsache, das seine damalige Frau völlig sinn- und hoffnungslos in Neil Tennant, den Sänger der Pet Shop Boys verschossen war. Im November 1994 war dann die Scheidung zu seinen Gunsten durch und seine Ex-Frau musste ihm Rentenanwartschaften zahlen.

Ende 1991

Alexander Mieland zieht es nach der Trennung von Silke, seiner Ex-Frau, von Kehl am Rhein nach Ulm wo er erst mal auf der Straße sitzt und unter den Brücken lebt. Zu diesem Zeitpunkt macht ihm das aber nichts aus, da er sowieso mit sich abgeschlossen hatte. Er war frustriert und hatte sich aufgegeben. Er lernt im Laufe dieser Zeit Menschen kennen, die nicht gut für ihn sind und die ihn immer weiter nach unten ziehen, ohne das er es selbst merkt.

Er lernt in dieser Zeit, wie man sich eine Tattoomaschine selbst baut, aus einem Kassettenrekorder-Motor, einer Kugelschreiber-Hülse, einem Feuerzeugventil und einer angefeilten Nähnadel. Alexander beginnt in dieser Zeit seinen Körper mit Tattoos zu verschlimmbessern, immer in der Hoffnung das er dadurch vielleicht lernt, ihn zu akzeptieren oder zu lieben. Der Höhepunkt dieser Aktionen war ein Tattoo mit dem fetten Schriftzug „LOVE ME“ auf seinem Penisschaft. Natürlich hat auch das in keinster Weise geholfen, mit diesem Körper zurecht zu kommen. Zu dieser Zeit hatte er dann auch die ersten gewollten sexuellen Erlebnisse mit Männern.

Er war sich selbst nicht sicher, wer oder was er war und das merkte man ihm auch an an seinem Verhalten und wie er mit seiner Sexualität umging. Er empfand beim Sex keine oder kaum Lust, sondern sah es als notwendiges Übel an, seine Partnerinnen oder Partner zu befriedigen. Andererseits war er schon immer extrem sensibel und feinfühlig gewesen und liebte seine Partnerinnen und Partner immer über alles und mit jeder Faser seines Körpers. Er sah alle Frauen beinahe wie Göttinnen an und wünschte sich immer mehr so zu sein, wie sie. Um diesem Ziel näher zu kommen ließ er sich mit Männern ein, die sich von ihm verwöhnen ließen und alles von ihm verlangten, ohne eine Gegenleistung zu geben. Er ordnete sich immer unter, zeigte seine devote Art ganz offen und tat alles, das es seinen Partnerinnen und Partnern gut ging, ohne darauf zu achten, wie es ihm selbst dabei ging.

1993

Irgendwann in 1993 sagte Alexander zu sich selbst, das es so nicht weiter gehen könne. Ich weiß nicht mehr, was dafür ausschlaggebend war, vermutlich mal wieder eine Liebe die in einer großen Enttäuschung endete.

Alexander Mieland trat sich selbst in den Arsch und versuchte auf einmal alles, um aus diesem Sumpf der Drogen und der Vagabunderei wieder heraus zu kommen, was absolut nicht einfach war. Das Problem ist hier, dass man keine Arbeit ohne eine Wohnung bekommt und keine Wohnung ohne Arbeit bekommt. Ein Teufelskreis aus dem nur ein verschwindend geringer Prozentsatz Derer die auf der Straße sitzen, wieder heraus kommt.

Er wandte sich an das Arbeitsamt und fand eine Sachbearbeiterin, die sehr nett und hilfsbereit war. Diese Sachbearbeiterin hatte eine Bekannte, die das Bewährungsheim im Donautal leitete, ein Heim für straffällig gewordene Jugendliche, die auf Bewährung waren. Hier war ein Zimmer frei und Alexander wurde dort als Übergangslösung untergebracht. Endlich hatte er wieder eine Postadresse, einen festen Wohnsitz und konnte von dort aus, sich eine neue Ausbildungsstelle suchen.

Er fand eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann für Unterhaltungselektronik, ein Beruf der ihn eigentlich nicht interessierte. Aber er beschloss diesen durch zu ziehen, komme was da wolle. Er musste zuerst ein unentgeltliches Praktikum von einem Jahr Dauer absolvieren, eine Voraussetzung um die Lehre dort beginnen zu dürfen. In dieser Zeit lebte er nur von ein paar wenigen Mark im Monat, die er vom Sozialamt bekam. Aber er zog es durch und durfte dann Mitte 1994 die Ausbildungsstelle antreten.

Etwa zur gleichen Zeit als er das unentgeltliche Praktikum in der Firma begann, wo er die Ausbildung machen wollte, geschah etwas, was ihn völlig aus der Bahn warf.
In diesem Bewährungsheim hatten straffällig gewordene Jugendliche und junge Erwachsene je ein Zimmer das ihnen „gehörte“ und lebten dort in betreutem Wohnen. Es gab da Jugendliche und junge Erwachsene, die wirklich furchteinflößend waren, wahre Schränke von tätowierten Kerlen und dazwischen Alexander, der sich nicht nur im Verhalten und im Auftreten deutlich von diesen Männern unterschied. Es geschah an einem Abend irgendwann gegen Ende 1993, als drei von diesen Kerlen zu Alexander ins Zimmer kamen und Alexander in die Zange nahmen. Einer hielt ihn eisern fest und die anderen fingen an sich mit ihm zu beschäftigen und ihn zu Sachen zu zwingen, die er definitiv nicht wollte. Was darauf folgte möchte ich hier nicht im Detail erzählen. Das konnte ich bisher noch niemandem erzählen.

Etwa ein halbes Jahr später, Alexander hatte nur noch einen oder zwei Monate Praktikum zu absolvieren, bis er dann die Ausbildung beginnen konnte, wiederholte sich das mit den drei Kerlen.

Alexander biss die Zähne zusammen und machte trotzdem unbeirrt weiter. Er fing seine Lehre an, durfte dann sogar, als das zweite Lehrjahr beginnen sollte, dieses überspringen und gleich mit dem dritten Lehrjahr weiter machen. Kurz darauf fand er eine kleine Wohnung direkt in Ulm ganz in der Nähe seiner Ausbildungsstelle und zog aus dem Bewährungsheim wieder aus. Mitte 1996 schloss er dann erfolgreich seine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann mit IHK Abschluss ab.

Er war wahnsinnig stolz darauf, das geschafft zu haben, und ist es auch heute noch. Doch diese Erlebnisse in diesem Bewährungsheim hatten Spuren an seiner Psyche hinterlassen, ganz tiefe Krater, die nicht mehr auszubügeln oder wieder gut zu machen waren…

Mitte bis Ende 1996

Alexander Mieland hatte gerade seine Ausbildung abgeschlossen als ihm einfiel, aus welchen Gründen auch immer, nach seinen leiblichen Eltern zu suchen. Er kannte ihren Namen, denn dieser war auf seinem alten Impfpass den er mal in den Händen hatte, nur locker durchgestrichen gewesen und der neue Nachname stand oben drüber. Alle andere Dokumente wie Geburtsurkunde und Dergleichen waren damals fein säuberlich neu ausgestellt worden, nur der Impfpass zeigte noch den alten Namen. Alexander begann damals natürlich dann seine Adoptiveltern auszufragen, welche ihm nie etwas verschwiegen oder ihn angelogen hatten. Und so erzählten sie ihm damals natürlich auch ganz offen seine eigene Geschichte.

Jedenfalls begann er Mitte 1996 nach seinen leiblichen Eltern zu suchen und er fand seine Mutter B. in Sulz am Neckar und seinen Vater H. in Berlin.

Ohne vorher auch nur ein Lebenszeichen von sich zu geben, startete er auf einen Besuch, zunächst nach Sulz am Neckar. Er klingelte an der Tür seiner leiblichen Mutter, welche sogar Zuhause war und öffnete. Seine Mutter machte ihm allerdings direkt an der Türe noch unmissverständlich klar, das sie mit ihren drei leiblichen Söhnen nichts zu tun haben wolle und keinen Kontakt wünsche. Also zog Alexander sich wieder zurück und enttäuscht von Dannen.

Er beschloss, es bei seinem leiblichen Vater besser zu machen und schrieb ihm einen Brief. Zurück kam eine sehr herzliche Einladung nach Berlin und er machte sich über einige Umwege auf den Weg dort hin…

Nachdem er Zwischenstopp in Würzburg und in Stuttgart gemacht hatte, wo er kurzzeitig einer Drückerbande auf den Leim gegangen war, kam er am 25.09.1996 nur mit einem kleinen Rucksack auf der Schulter in Berlin an. Ich weiß tatsächlich nicht mehr, ob das damals so von Alexander geplant war, quasi als Geburtstagsgeschenk, oder ob es reiner Zufall war. Jedenfalls hatte an dem Tag als Alexander in Berlin bei seinem leiblichen Vater ankam, seine kleine Halbschwester Steffi gerade ihren 18. Geburtstag und die Wohnung seines leiblichen Vaters H. musste wohl für die Geburtstagsfeier herhalten.

Das war ein riesen großes Hallo, voller Freude und Herzlichkeit, als Alexander an der Tür klingelte und ihm aufgemacht wurde! Der Empfang war phänomenal und dieser Besuch bei seinem leiblichen Papa und seinen leiblichen Geschwistern dauerte dann 10-einhalb Jahre lang.

Diese 10-einhalb Jahre in Berlin waren definitiv die schönsten Jahre seines Lebens. Niemand gab ihm das Gefühl, nicht willkommen zu sein, ganz im Gegenteil. Man spielte Schach und Skat zusammen, schaute jedes Jahr die Formel 1 im Fernsehen an, jedes Rennen. Sein Papa und er wetteten jedes Jahr wieder auf die Formel 1. Sein Papa wettete auf BMW und Alexander wettete auf Ferrari, bzw. Schumacher. Ich weiß nicht, wie viele Kästen Bier sein Papa Alexander inzwischen schuldete. Alexander war der Einzige, der seinen leiblichen Vater im Schach schlagen konnte. H. von Borcke, der leibliche Vater von Alexander liebte seinen Sohn über alles.

Und trotzdem Alexander eine lange Zeit Arbeitslos war und natürlich auch in Berlin die eine oder andere Enttäuschung mit Beziehungen verarbeiten musste, war es eine wunderschöne Zeit. Es war eine Zeit in der er voll und ganz akzeptiert wurde und in der er beinahe seine Probleme mit seinem Körper vergessen konnte… beinahe….

2007

Und dann kam das schicksalhafte Jahr 2007. Das Jahr das für Alexander Mieland zu einem der Schlimmsten werden sollte…

Anfang 2007 stieß Alexander im Internet rein zufällig auf einige Begriffe, die ihn stutzig und hellhörig werden ließen: Transsexualität, Transgender, Transidentität.

Er sog alles zu diesen Themen in sich hinein und endlich wurde ihm so einiges klar….

All die Jahre, seine Kindheit, das Mobbing, die Vergewaltigungen, die Unsicherheit, dieser Neid auf die Mädchen, seine Verschlossenheit und Introvertiertheit… All das und noch viel mehr, was in seinem bisherigen Leben so war…. All das nur weil er tatsächlich eine Frau war – eine Frau, eingesperrt in einem männlichen Körper! Endlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen!

Er vertraute sich der damals ihm nächsten Person an, Steffi, seiner Halbschwester. Er outete sich ihr gegenüber und äusserte den Wunsch, Aleksia genannt zu werden. Nebenbei ließ er auch bei anderen, wie zum Beispiel seiner Schwägerin, Andeutungen durchblicken, doch diese wurden wohl nicht verstanden – wie denn auch….

Um detaillierter zu werden oder sich richtig zu outen und den Weg zu beginnen, fehlte ihm damals noch der Mut….

Er begann, sich mit der virtuellen 3D Welt Second Life auseinander zu setzen und erstellte dort einen weiblichen Avatar mit dem Namen Criz Runo. Endlich konnte er das sein, was er schon immer war und sein wollte, eine hübsche Frau mit hübschen Kleidern und langen Haaren. Endlich konnte er Frau sein und er fühlte sich endlich richtig. Das Problem an der Sache: Er verlor sich in Second Life, er LEBTE nur noch in Second Life das Leben von Criz Runo, die er genau so spielte, wie er war oder sein wollte. Er war Criz Runo und Criz Runo war er:

— Sicht von Criz Runo:

Criz Runo fand sehr schnell Anschluss in Ihrer neuen Welt. Sie lernte einen Mann kennen der in Second Life eine Security Firma leitete. Criz war noch ganz neu in dieser Welt und so wusste sie nicht, das solche Security Firmen völlig überflüssig waren und es hier nur um das reine Geld machen ging. Zu dieser Zeit jedoch, Anfang 2007, boomte das Geschäft mit solchen Security Firmen und da Second Life eine echte, virtuelle Währung hat, also eine Währung, die man mit einem entsprechenden Wechselkurs in Euro umtauschen kann und auch andersrum, war es klar, das die Leute in diesem halbwegs neuen Medium namens Second Life alles versuchten, um so viel Geld wie möglich zu scheffeln.

Criz verliebte sich in diesen Mann und sie wurden ein Paar, virtuell, online. Sie wurde die rechte Hand des Chefs und war zuständig für die Einteilung der Mitarbeiter. Es sollte sich jedoch sehr bald heraus stellen, wie geldgierig dieser Mann tatsächlich war. Criz erhielt kein Gehalt von ihm und darauf hin kündigte sie  den Job wieder. Dies veranlasste den Chef in den Criz so sehr verliebt war, sie komplett, auch als seine Gefährtin zu feuern.

Sie war am Boden zerstört… Endlich hatte sie die Möglichkeit das zu sein, was sie immer war und sein wollte und fand sogar einen Mann, der sie wollte und dann geschah etwas, was sie, bzw. Alexander aus seiner reellen Welt leider nur zu gut kannte: Man ließ sie einfach fallen, wie ein Stück glühende Kohle. Sie lief durch diese virtuelle 3D-Welt und fand eine Insel mit einem ausgedehnten Sandstrand. Hier setzte sie sich hin und schaute auf das virtuelle Meer hinaus.

Anmerkung: All das was Criz beschreibt, geschah genau so wie beschrieben. Da es sich um eine virtuelle 3D-Welt handelte, gab es dort tatsächlich auch einen Strand, an den sich Criz setzte und anfing zu träumen….

Criz saß stundenlang an diesem Strand, zwei Tage lang. Alexander, derjenige der den Avatar steuerte hinter seinem Rechner, war genau so am Boden zerstört. Er hatte sich so viel von dieser virtuellen Welt erhofft. Er saß hinter seinem Rechner und starrte mit Tränen verschleierten Augen auf den virtuellen Sonnenuntergang über dem virtuellen Meer, vor dem, mit dem Rücken zu ihm, Criz Runo zu sehen war…

So vergingen zwei Tage und viele, viele Stunden in den Nächten, bis auf einmal ein junger, fremder Mann vorbei kam und sich einfach neben sie setzte.

Alexander, der Typ hinter dem Rechner, muss schon leicht verdutzt geschaut haben, als er auf einmal den zweiten Rücken neben den von seiner Criz sah…

Criz war mindestens genau so verdutzt und schaute zur Seite, sie sagte aber zunächst keinen Ton, sondern starrte dann weiter hinaus auf das Meer. Es vergingen wohl bestimmt zwei Stunden, bis einer von beiden anfing zu reden. Wer nun was genau sagte, kann nicht mehr nachvollzogen werden. Es wurde Criz jedoch sehr schnell klar, das dieser Mann der da neben ihr saß und mit ihr zusammen auf das Meer hinaus starrte, sehr sensibel und einfühlsam war und genau wusste, wie es ihr ging. Seine Worten taten ihr sehr gut und so unterhielten sie sich weiter, stundenlang.

Am nächsten Tag trafen sie sich wieder an genau der gleichen Stelle und unterhielten sich weiter und so ging es bestimmt drei Tage lang. Schließlich gestand Criz Vegoth Munro, so hieß dieser Mann, ihre Liebe und Alexander hinter dem Rechner lächelte. Er war auf einmal glücklich, denn er fühlte echte Liebe für diesen männlichen Avatar.

Vegoth Munro war ein sehr sensibler und ruhiger Typ und Criz verliebte sich Hals über Kopf in ihn. Sie wusste natürlich, dass es auch nur ein Avatar war, so wie sie selbst und dass dieser von einem Menschen hinter einem Computer gesteuert wurde. Und so verliebte sie sich natürlich gleichzeitig in den Menschen hinter Vegoth.

Sie unternahmen viel zusammen. Sie gingen in Second Life in eine Disco mit dem Namen Miami Vice und fanden dort viele Freunde. Jeden Tag waren sie dort anzutreffen und tanzten dort. So vergingen einige Wochen, bis sie beschlossen einmal das Rollenspiel rund um Gor auszuprobieren. Criz Runo wurde Kajira, also Sklavin auf Gor und Vegoth Munro wurde zum Krieger und ihr Herr. Sie kamen auf die Rollenspiel-Region Jasmine, wo sie zusammen lebten und liebten.

Criz lernte schnell neue Freunde auch auf Gor kennen, vor allem dort auf dieser Region Jasmine lernte sie viele Leute kennen, mit denen sie sehr gerne Rollenspiel machte.

Eines Tages lernte sie dort auch Thor Tracer und Terry Mullighan kennen. Sie spielten viel und oft zusammen und beschlossen dann, zusammen die Oase der vier Palmen zu gründen. Und so baute Criz Runo zusammen mit Terry Mullighan, Thor Tracer und Nevin Khalifa  die Oase der Vier Palmen auf, sowie den Sim Verbund „Südland“. 

Anmerkung: Vermutlich wird der oder die geneigte Leser*in nicht wissen, worüber hier gerade geschrieben wird, denn dies können vermutlich nur eingefleischte Second Life Spieler wissen und nachvollziehen. Trotzdem soll es hier mit in die Geschichte einfließen, da es doch ein sehr wichtiger Teil meines Lebens ist und war.

Nun, Criz und Vegoth erlebten sehr viel zusammen… es wurde gelebt, geliebt, gekämpft und gelacht, geweint und gespielt… viele Wochen ging es so und alles war gut und wunderschön. Criz war sehr, sehr glücklich… Sie und Vegoth kamen sich immer näher und schließlich outete sich Criz gegenüber Vegoth als „Frau in einem Männerkörper“. Das war der Anfang vom Ende, denn Vegoth machte ihr klar, das es niemals im Real-Life zwischen ihnen funktionieren könne, weil er nicht schwul sei. Criz wusste, das Vegoth, bzw. der Mann hinter dem Avatar schon seit längerer Zeit solo und auf der Suche nach einer Partnerin war und so machte sie wohl einen furchtbaren Schritt, den sie noch in derselben Minute wieder bereute…

Sie machte mit Vegoth Schluss…. und zwar nur aus dem Grund, damit er frei war um sich seine große Liebe zu suchen, eine echte Frau.

Das zerbrach Criz‘ Herz… und sie wurde ein kalter, toter Stein. Für Alexander brach eine Welt zusammen…….. und er verließ Second Life……

— Sicht von Alexander Mieland:

Alexander zweifelte an sich selbst. Vor allem zweifelte er nach dieser Aktion an seinem eigenen Verstand. Sie waren glücklich gewesen, alles war gut gewesen, sie hatten ihren Spaß gehabt und sie liebten sich, wenn auch nur in Second Life… und dann musste er alles kaputt machen. Lag es an ihm? War er unfähig eine Beziehung zu führen? Wollte ihn denn niemand? Wieso musste es immer so schmerzhaft enden?

Zu dieser Zeit, Anfang 2007, gab es noch eine Person, die Alex recht nahe stand. Es war dies die Freundin seines Halbbruders Hagen, Christiane oder Chrissy. Auch ihr gegenüber outete er sich und sie unterhielten sich viel über das Thema seiner Transsexualität und was das für ihn bedeuten würde, wenn er diesen Weg tatsächlich beginnen würde. Sie schien das Thema sehr interessant zu finden und sicherte ihm ihre Unterstützung dabei zu. Vor allem aber half sie ihm wohl auch über diese schwere Zeit ein wenig hinweg zu kommen – nein, es passierte nichts zwischen den Beiden, schließlich war sie mit seinem Bruder zusammen, dennoch, es war gut und schön, sich mit ihr zu unterhalten.

Es war April 2007, als Alexander sich dazu entschloss, wieder nach Süddeutschland zu seinen Adoptiveltern zu ziehen. Er war in Berlin über 8 Jahre arbeitslos gewesen und er baute auf die niedrige Arbeitslosenquote in Baden-Württemberg. So mietete er einen Sprinter bei Europcar, packte seine sieben Sachen dort hinein und fuhr dann von Berlin nach Wilhelmsdorf, bzw. in den Nebenort Esenhausen, wo seine Adoptiveltern ihm eine kleine Keller-Wohnung organisiert hatten.

Von dort aus begann er dann, sich einen Job zu suchen, was Anfangs natürlich auch nicht einfach und nicht von Erfolg gekrönt war. Und so hatte er neben der Jobsuche sehr viel Zeit um nachzudenken – und er dachte sehr viel nach… Neben dem Nachdenken telefonierte er viel mit Chrissy, die natürlich in Berlin geblieben war, und sie unterhielten sich viele, viele Stunden.

Ab und zu schaute er noch in Second Life rein und bemerkte dabei, das Vegoth wohl schon eine Neue haben musste. Später erfuhr er dann, das Vegoth sogar im Real-Life mit dieser Frau zusammen gekommen war und das wiederum freute Alexander sehr, auch wenn er keinen Kontakt mehr mit Vegoth hatte.

Dieses ganze Jahr 2007 war geprägt vom Herzschmerz über den Verlust von Vegoth, dem Nachdenken, dem Träumen und dem Job suchen. Und so vergingen die Monate langsam und schleppend… und dann kam der Dezember 2007…

Eines Tages, am 06.12.2007 – Alexander war seit fast 8 Monaten wieder in Süddeutschland, wobei er den Kontakt zu seinem leiblichen Vater in Berlin nie abgebrochen hat – bekam Alexander eine Email von seinem leiblichen Vater in Berlin. Diese Email enthielt nur einen Satz und ein Bild von seinem kleinen Rauhaardackel Benji, den er sich nach dem Tod seiner Frau ein Jahr zuvor angeschafft hatte. Der Satz in der Email:

Bitte melde Dich doch mal.

Alexander hatte sowieso vor, zu Weihnachten, also in zwei Wochen, nach Berlin zu fahren und seinen Papa zu überraschen. Deshalb antwortete er nicht auf die Email…………..

Am 08.12.2007 bekam Alexander dann gegen späten Vormittag einen Anruf von seiner Halbschwester Steffi und Alexander merkte sofort, das etwas nicht stimmte. Unter Tränen teilte seine Schwester ihm mit, das sich ihr Papa am frühen Morgen das Leben genommen hat mit einer Überdosis seiner Medikamente.

Dies war zuviel für ihn… er brach zusammen – seelisch, körperlich, nervlich, psychisch…

Er fuhr noch am gleichen Tag mit einem ICE nach Berlin hoch um seiner Familie in Berlin beizustehen. Das Problem daran: Er war es, der am meisten Halt brauchte. Seine Halbschwester Steffi stützte ihn. Obwohl sie selbst bei ihrem Vater aufgewachsen war und Alexander nicht, obwohl Steffi selbst wohl am meisten leiden musste, war sie stark genug, Alexander zu stützen und ihm Halt zu geben. Sie wich nicht von seiner Seite und jedes Mal, wenn Alexander wieder einen Weinkrampf hatte und sich komplett verlor, war sie da und hielt ihn, streichelte ihn, tröstete ihn – Selbst sogar am 21.12.2007 bei der Beerdigung.

Am Samstag, den 22.12.2007 fuhr Alexander dann wieder nach Hause, nach Süddeutschland. Er konnte nicht länger in Berlin bleiben, da er am darauffolgenden Tag, also am Sonntag in der Scheune des Kulturverein Wilhelmsdorf eine Veranstaltung (Himmlische Adventsmusik) betreuen musste – obwohl er sich wie ein Zombie fühlte, musste er das jetzt durchziehen. So kurzfristig war kein Ersatz mehr zu bekommen.

Weihnachten? Nein, es gab kein Weihnachten dieses Jahr.

2008

Anfang 2008 lernte Alexander dann Nicole kennen und lieben und sie zogen bald darauf in Kaufbeuren zusammen. Er war noch immer arbeitslos, aber aufgrund der relativen Nähe zu München, konnte er seinen Suchradius dahin ausweiten. Es sollte noch bis Oktober 2008 dauern, bis er tatsächlich in München einen neuen Job als Webentwickler bei IntraWorlds fand.

Auch Nicole gegenüber outete er sich ganz zu Anfang, aber er fand immer noch nicht den Mut, den endgültigen Schritt zu tun, zudem das Thema für Nicole absolutes Neuland war und sie das ein wenig skeptisch und ungläubig behandelte. Und so lebte er weiter als vermeintlicher Mann. Das Nicole selbst ein „Sexmuffel“ war störte ihn kaum, denn er konnte mit seinem Teil eh nichts anfangen, sondern hatte es immer nur als Werkzeug für seine Partner benutzt. Schluss endlich zerbrach aber diese Beziehung vier Jahre später dann doch vor allem daran, das Alexander den Sex vermisste und sich vernachlässigt fühlte, wollte er doch eigentlich schon immer eine richtige Familie haben.

2012

Anfang 2012 war Alexander mal wieder etwas häufiger und intensiver in Second Life unterwegs und lernte dort im Februar dann Svenja kennen. Svenja war eine ausgezeichnete Rollenspielerin und so waren die Stunden mit ihr mit sehr viel Spaß und Spiel gefüllt. Auch ihr gegenüber outete sich Alexander schon direkt beim kennen lernen und fand in Svenja eine Zuhörerin, die das Thema interessant fand und ihn dabei unterstützen wollte, zumal der Wunsch diesen Weg zu beginnen und der Leidensdruck der mit seinem bisherigen Leben einherging, immer intensiver, beinahe unerträglich wurden.

Die Gefühle zwischen Svenja und Alexander wurden immer intensiver und es kam der Tag, der beide zusammenbringen sollte:

Es war der 12. April 2012, als Svenja Alexander unter Tränen berichtete, das ihr Bruder verstorben sei und sie völlig fertig mit der Welt sei. Alexander nahm unverzüglich und kurzfristig Urlaub in Anspruch und fuhr noch am gleichen Tag nach Berlin hoch um Svenja in dieser schweren Stunde beizustehen. Er wurde noch vor der Haustüre von Svenja und ihrer Mutter empfangen, die ihn beide freundlich lächelnd in Empfang nahmen und ins Haus baten. Von Trauer um den geliebten Bruder war hier nichts zu sehen… und Alexander wurde stutzig… aber nicht lange oder lange genug….

Der Grund für die folgenden Erlebnisse ist an Dummheit, Gutgläubigkeit und Verliebtheit seitens Alexanders nicht mehr zu übertreffen…

Alexander fragte nicht nach… Er nahm es hin und lernte Svenja und ihre Familie kennen. An diesem Tag, bzw. in der folgenden Nacht hatten sie zusammen Sex. Alexander konnte nicht lange bleiben, doch er versprach bald wieder zu kommen und Svenja nicht alleine zu lassen.

Er packte in Kaufbeuren seine sieben Sachen und zog zurück nach Berlin. Anfangs wohnte er mit Svenja zusammen bei seinem Bruder Heros und seiner Frau Claudia, bis sie dann eine eigene Wohnung in Berlin-Haselhorst fanden und dort zusammen zogen. Schnell wurde klar, das es wohl gleich in einer der ersten Nächte in denen sich Svenja und Alexander nah waren, richtig gefunkt haben musste, denn Svenja war schwanger.

Eine Abtreibung kam für Beide nicht in Frage und so fiel die Entscheidung, auch so bald wie möglich zu heiraten, damit es kein uneheliches Kind wurde und es mit einem gemeinsamen Namen aufgezogen werden konnte.

21.09.2012

Die Hochzeit fand standesamtlich im Rathaus von Berlin-Spandau statt und nicht wie bei seiner ersten Hochzeit mit Silke wo er und Silke ganz alleine waren, waren diesmal seine Adoptiveltern, sowie seine Berliner Geschwister auch dabei.

Steffi, seine Halbschwester hatte zu diesem Anlass eine tolle Hochzeitstorte gebacken und war extra auch von Bayern nach Berlin gekommen um bei der Hochzeit dabei sein zu können.

Es war ein sehr schöner Tag.

Alexander Michael Mieland nutze die Gunst der Stunde um durch diese Hochzeit seinen Nachnamen wieder in den seiner Adoptiveltern ändern zu lassen und so hießen Svenja und Alexander ab diesem Zeitpunkt dann mit Nachnamen (wieder) Löhner.

ab dem 25.01.2013

Luca, Svenjas und Alexanders Sohn, ist am 25.01.2013 um 09:15 Uhr im Humboldt-Klinikum in Berlin-Reinickendorf per Kaiserschnitt zur Welt gekommen und es war wohl einer der schönsten Tage für Alexander, denn er war natürlich live dabei. Es war einer der, wenn nicht sogar der bedeutendste, emotionalste Moment, den er je erlebt hat.

Nach der Geburt klagte Svenja über Schmerzen im Bein und Taubheit im Fuß, weshalb sie von da an keinen Handschlag mehr tat. Egal ob es um Luca ging (Anziehen, Füttern, Spielen, Wickeln, Schlafen legen, etc) oder um den Haushalt (Putzen, Aufräumen, Einkaufen, etc…), sie konnte oder wollte NICHTS tun und lag nur auf der Couch herum oder saß vor ihrem Rechner und spielte Second Life oder eines der anderen Online Spiele, denen sie sich mit immer größerer Begeisterung widmete.

Es stellte sich im Nachhinein heraus, das sie Alexander mindestens seit der Hochzeit mit zwei anderen Frauen aus Second Life betrogen hat und auch weiterhin betrügte. Trotzdem gab Alexander die Hoffnung nicht auf. Er kümmerte sich um alles, sowohl um Luca, als auch um Svenja und um den Job den er in Berlin bekommen hatte. Und so musste er Luca morgens in die Kita fahren, dann zur Arbeit fahren, in der Mittagspause Luca von der Kita abholen und nach Hause fahren, dann wieder zur Arbeit fahren und am Abend sich dann Zuhause wieder um Luca und den Haushalt kümmern.

Svenja klagte fortan über diverse Phobien, wie zum Beispiel die Angst vor fremden Menschen, Menschenansammlungen und Viele mehr. Hinzu kam natürlich der angebliche Schmerz und der taube Fuß und so ließ sie sich von vorne bis hinten von Alexander bedienen.

Alexander bemühte sich redlich ihr einige der Ängste zu nehmen. Er schaffte es manchmal, sie zum Einkaufen mit zu nehmen und liess sie dann den Einkauf bezahlen um sie so an fremde Leute oder kleine „Stresssituationen“ zu gewöhnen. Er machte mit ihr eine regelrechte Privat-Therapie. Er sorgte später dafür, das Svenja neue Zähne bekam, die von seinen Adoptiveltern bezahlt werden sollten. er steckte ihr monatlich, neben den ohnehin ausgemachten 150,- € „Taschengeld“, mehrere Hundert Euro in den Hintern, die sie ausnahmslos in Paysafe-Karten oder dorekt in ihre Onlinespiele einzahlte um dort irgendwelche Abos aufrecht zu erhalten, Items zu kaufen oder in Second Life entsprechende Artikel zu erstehen. Monatlich wurde es immer mehr Geld, das sie von ihm wollte und jedes Mal gab er nach und zahlte noch mehr.

So ging es die ganze Zeit über, ein Jahr lang, zwei Jahre lang, drei Jahre lang…

Sie zogen unterdessen von Berlin nach Bodman an den Bodensee. Auch dies eine Idee von Alexander um durch die Luftveränderung und die Entfernung zu Svenjas Eltern ihr gesundheitliche Besserung zukommen zu lassen.

Oktober 2015

Anfang Oktober 2015 hatte Alexander dann ein Vorstellungsgespräch für einen neuen Job bei der Akademie für Sport und Gesundheit in Radolfzell. Alexander hatte extra einen tollen neuen Anzug an und war beim Friseur gewesen.

Er kam dort an und unterhielt sich blendend mit den beiden Chefs der Akademie. Schlussendlich war das Vorstellungsgespräch vorbei und Alexander ging mit einem guten Gefühl nach Hause.

Es dauerte dann auch nicht lange, bis die Nachricht kam, das er am 15.10.2015 dort seinen neuen Job antreten könne.

Der erste Arbeitstag kam und Alexander kam dort an, leger gekleidet in Jeans und Pulli. Er ließ sich entsprechend einweisen und alles wurde ihm gezeigt. Alle Kolleginnen und Kollegen waren ausgesprochen nett zu ihm und hießen ihn willkommen.

Der erste Arbeitstag ging dem Ende zu und Alexander ging nach Hause, beinahe glücklich über den neuen Job und die freundlichen und netten Kollegen. Die Atmosphäre in der neuen Firma war beinahe familiär, waren es doch mit ihm zusammen und den beiden überaus netten Chefs gerade einmal 6 Personen, die dort arbeiteten.

Der Tag neigte sich dem Ende zu und Alexander dachte lange und angestrengt nach…

Aus Alexander Löhner wird Christin Löhner

Am nächsten Morgen, am 16.10.2015, stand Christin auf, wusch sich, kleidete sich an und ging wie gestern zur Arbeit. Es war ihr erster Arbeitstag als Frau in der neuen Firma, der zweite Arbeitstag den sie dort überhaupt verbrachte.

— Sicht von Christin Löhner:

Es war toll! Ich kam am Morgen des 16.10.2015 zur Arbeit, aufgestylt mit einer Perücke, Mascara, Rouge, Lippenstift, einem Schlauchschal und fraulichen Klamotten. und es war, als wäre ich schon immer so unterwegs gewesen. Alle Kolleginnen und Kollegen benahmen sich ganz normal, grüßten nett, fragten wie der erste Arbeitstag war und ließen mich ansonsten in Ruhe.

Es fühlte sich so normal an… so richtig! Endlich hatte ich den Schritt gewagt! Endlich war ich frei! Endlich konnte ich das sein, was ich war und sein wollte!

Ich hatte schon vor mindestens zwei oder drei Jahren eine lange Email verfasst, die seit dem bei mir in meinem Entwurfs-Ordner vor sich hin dümpelte. Beinahe jeden Tag rief ich sie auf, bearbeitete sie, veränderte ein oder zwei Sätze, fügte etwas hin zu oder entfernte etwas… doch an diesem Abend schickte ich sie endlich ab. Ich schickte sie zunächst nur an meine Adoptiveltern, kurz darauf dann an den Rest der ganzen Familie.

Tja… ab diesem Zeitpunkt war ich wohl der glücklichste Mensch auf der Welt… wäre da nicht mein… eheliches Problem…

Es folgten weitere Tage als Frau auf der Arbeit, bis eines Tages Svenja plötzlich sagte, das sie den Weg zum Mann gehen will…

Nun, wer war ich, wenn ich da irgendetwas hätte gegen sagen wollen? Natürlich unterstützte ich sie… entschuldigung… natürlich unterstützte ich ihn, Sven, dabei, gab ihm Tipps und Hinweise, wie er männlicher wirkt.

Ungefähr zur gleichen Zeit, irgendwann Ende 2015, beichtete mir dann Sven noch, das er sich in seine beste Freundin verliebt hatte, die er in Second Life kennengelernt hatte und mit der er seit unserer Hochzeit sowieso schon ununterbrochen am rummachen war. Einige Zeit später sagte er aber dann, das er aber wüsste, wo er hin gehöre und mich liebe, etc. pp.

Januar 2016

Am 11.01.2016 hatte ich dann meine erste Psychotherapeutische Begleittherapie Stunde. Um diesen Weg Mann-zu-Frau gehen zu können und vor allem um dann irgendwann Hormone bekommen zu können und die geschlechtsangleichende Operation machen zu dürfen, muss man 18 Monate psychotherapeutische Begleittherapie nachweisen, damit das von den Krankenkassen übernommen wird.

Und so war ich natürlich seit Anfang des Jahres fleißig am suchen nach Therapeuten, die Trans*-erfahren waren und noch Termine frei hatten. Dies gestaltete sich als gar nicht so einfach. Trans*-erfahrene Therapeuten gibt es schon nicht so viele und dann auch noch einen zu erwischen, der möglichst schnell einen Termin hat, stellte sich als echt schwierig dar. 

Schlussendlich fand ich dann eine nette Therapeutin in Überlingen, die zwar nicht Trans*-erfahren war, die aber gerne bereit war, ihren Horizont dahingehend zu erweitern.

Februar 2016

Im Februar fand die FOSDEM in Brüssel vom 27.02. bis zum 28.02.2016 statt und ich wollte unbedingt dort hin. Schwierig genug, Sven klar zu machen, das ich dort hin wollte und ihn mit Luca für ein Wochenende alleine lassen musste. Schließlich gelang es mir aber doch ihn zu überzeugen und ich fuhr am Freitag Abend, den 26.02.2016, nach Brüssel in Belgien und checkte in mein Hotel ein.

Am Samstag fuhr ich dann zum Messegelände und stellte mich auf einen freien Parkplatz am Straßenrand über dem ein dickes, fettes, blaues Schild mit weißem „P“ prangte. Das deutlich kleinere weiße Schild darunter auf dem nur „CD“ stand, übersah ich geflissentlich, zumal ich zu dem Zeitpunkt eh nichts damit anfangen konnte.

Nach einem tollen Tag auf der FOSDEM, vielen Bekanntschaften die ich geschlossen hatte, ging ich zurück zu meinem Auto… doch oh Schreck, es war weg! Es kostete mich 5 Stunden im Regen mit 8cm Absatz durch Brüssel zu rennen, plus 247,- € um mein Auto wieder zu bekommen.

Am Abend kam ich völlig erschlagen im Hotel an und legte mich niedergeschlagen auf das Bett, als plötzlich ein Anruf rein kam… Sven rief aufgelöst und völlig verzweifelt an, Luca habe Husten und Sven ginge es auch nicht gut, ich solle sofort nach Hause kommen und mit Luca zum Arzt gehen.

Man stelle sich vor, ich im Hotel in Brüssel, es war Samstag Abend um ungefähr 21 Uhr, 600 km und 7 Stunden Fahrt von Zuhause entfernt, völlig erschlagen von der Rumrennerei in Brüssel, 247,- € ärmer und Sven verlangt von mir, sofort nach Hause zu kommen und mit Luca zum Arzt zu gehen, der von Sven und Luca gerade mal 3 km entfernt war.

Ich holte ganz tief Luft, zählte langsam von 21 bis 30 und versuchte dann Sven erst mal zu beruhigen. Nach etwa 30 Minuten herum diskutierens war ich es leid und versprach, den morgigen Tag auf der Messe sausen zu lassen, vielen neuen Bekanntschaften vor den Kopf zu stoßen, die erwarteten das ich am Sonntag auch wieder da war und gleich morgen früh, also am Sonntag den 28.02. ins Auto zu steigen und nach Hause zu kommen.

Irgendwann gegen 14 Uhr kam ich dann am Sonntag Zuhause an und Luca begrüßte mich freudig. Sven lag im Bett und stöhnte theatralisch vor sich hin. Luca ging es super, er hustete ein wenig, es war aber deutlich zu merken, das sein Husten fast schon wieder vorbei war. Ich war ganz kurz vor dem austicken… aber ich schluckte es runter und tat als sei nichts.

Sven verlangte an diesem Tag dann noch von mir, ihm zu erlauben mit Luca zusammen eine Woche bei seiner besten Freundin – in die er sich ja ohnehin verliebt hatte – in Trier machen zu dürfen, sozusagen als Retourkutsche für mein Messebesuch in Belgien. 

März 2016

Es war der 05.03.2016, der schicksalhafte Tag an dem ich Luca dann das letzte Mal für die folgenden vier Monate zu Gesicht bekommen sollte… Es war der Tag an dem Sven mit Luca zusammen von mir für eine Woche nach Trier gefahren werden wollte.

Wir fuhren also los Richtung Trier. Nicht genug das mir Sven die ganze Fahrt über nur Vorwürfe machte wegen Brüssel, nein etwa 5 Kilometer vor dem Ziel musste sich Luca auf einmal übergeben im Auto und bekam kaum noch Luft aufgrund der Gallenflüssigkeit, zumal es für Luca das erste Mal war das er sich so übergeben musste und völlig panisch war.

Ich hielt natürlich sofort am Straßenrand und stieg aus, um mich um Luca zu kümmern. Ich schnallte ihn vom Kindersitz los, sprach leise und beruhigend auf ihn ein, streichelte ihn und versuchte zwischendurch ihn sauber zu machen. Sven stieg auch aus… aber natürlich nicht um sich um Luca zu kümmern oder das Auto, bzw. den Kindersitz sauber zu machen, nein, er stand nur da und gab Kommandos und maulte mich an, wieso ich so langsam sei. Ich kochte………..

Trotzdem blieb ich äusserlich ganz ruhig und liess mich nicht beirren, Luca zu beruhigen und mit ihm zu reden. Als Luca ruhiger wurde und ich den Sitz auch noch notdürftig gereinigt hatte, stiegen wir wieder ein und ich fuhr langsam weiter. Luca war immer noch am weinen und am keuchen und ich versuchte weiter, während der Fahrt ihn zu beruhigen. Sven schaute völlig unbeteiligt aus seinem Beifahrerfenster.

Da riss mir die Hutschnur und ich maulte ihn an, ob er sich nicht vielleicht auch einmal um den Kleinen kümmern könne, ihn beruhigen könne. Er entgegnete nur, was er denn tun solle, er kommt ja nicht mal an den Kleinen ran…

Wir fuhren die letzten Kilometer schweigend, bis wir in dem Ort kurz hinter Trier eintrafen, wo ich die Beiden absetzen sollte. Natürlich durfte ich nicht einmal vor der Haustür seiner Freundin halten, sondern musste weiter weg auf einem Parkplatz halten, damit die mich ja nicht zu Gesicht bekam.

Also stiegen wir aus und ich holte Luca vom Kindersitz… als ich mich zu ihm hin kniete und ihn umarmen wollte und mich verabschieden wollte, herrschte Sven mich wütend an, ob ich nicht endlich fahren wolle…

Ich stieg ein und knallte die Fahrertür so fest zu, das die Halterungen der Fensterscheibe in der Tür brachen und die Fensterscheibe mit Karacho nach unten rutschte, in die Tür hinein. Wohlgemerkt es war Anfang März und es war wirklich kalt. Ich hatte keine Jacke dabei weil ich nicht davon ausgegangen war, das ich längere Zeit außerhalb des Auto verbringen sollte.

Also fuhr ich los, mit offenem Seitenfenster, die Heizung voll aufgedreht, die Lüftung direkt auf mich gerichtet… 200m weiter hielt ich wieder an, mein Herz pumpte und ich war total am zittern… ich holte mein Handy heraus und schrieb die folgenden Zeilen:

Okay, das war das letzte mal, das ich mich von dir habe rum schubsen lassen. Von DEINEM Egoismus und deiner Unfähigkeit den kleinen zu beruhigen mal ganz abgesehen. Das ich mich nicht einmal mehr verabschieden darf, war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Zu allen überfluß darf ich jetzt mir offenen Fahrer Fenster nach Hause fahren. Danke. Ich bin so was von fertig.

Die 500 Kilometer nach Hause waren eine Tortur und ich wundere mich heute noch, wie ich das so einfach überstehen konnte. Nicht nur das ich mehrmals darüber nachgedacht habe, mit 200 Sachen gegen den nächsten Baum zu fahren, sondern auch, weil ich weder eine Lungenentzündung noch auch nur eine Erkältung davon getragen hatte.

Svens Antwort auf meinen Text kam dann einen Tag später am 06.03.2016:

Zum einen was habe ich mit dem Fenster zu tun zum anderen hast du mich an gebrüllt wie jedes mal wenn der kleine sich erbricht als ob er deswegen nicht genug Angst hat der Abschied ja da war ich gestresst geb ich zu aber auch nur weil es Luca noch mehr aufgeregt hat und ich ihn noch fast 20min beruhigen konnte letztendlich sagte Luca mur du seist zu schnell gefahren er hatte Angst… Uns geht es ubrigends gut soweit falls es dich interessiert

Darauf hin war dann meine Antwort:

Erstens habe ich nicht gebrüllt. Ich habe nicht mal viel lauter gesprochen, nur energischer, weil es mich aufgeregt hat, das der Kleine hinten nach Luft ringt und panisch wird und Du Dir die Landschaft anguggst. Zweitens bin ich nicht zu schnell gefahren. Ich bin die ganze Strecke, falls es dir nicht aufgefallen ist, nur 120 gefahren, weil wir kaputte stossdämpfer haben und das auto jedesmal einen halben meter zur seite hüpft, wenn eine unebenheit kommt. Drittens, ich werde mich trennen und scheiden lassen. Seit gestern hat unser Trennungsjahr begonnen.

Das war dann das letzte Mal das ich Luca gesehen habe, bis zur Gerichtlichen Anhörung in Berlin am 05.07.2016, als es um das Aufenthaltsbestimmungsrecht ging. Inzwischen ist die Scheidung fast durch und ich bin mehr als froh, diesen Kerl los zu sein. Was natürlich nicht für Luca gilt, der nun leider bei seiner Mutter, die er inzwischen Papa nennt, wohnt.

Zwei Wochen später – ich war zu dem Zeitpunkt auf Arbeit im Büro in Radolfzell – fuhr Sven zusammen mit seiner Sarah zu mir in die Wohnung, ließ das Schloss von einem Schlüsseldienst aufbrechen und nahm alles mit, was nicht niet- und nagelfest war. Er packte zu aller erst seinen eigenen Computer mit Monitor ein, die Playstation 4, die Wii und alles, was ich noch von Luca hatte, einschließlich der Berichte der Kindergärten und der Fotos, die an der Wand hingen. 

Als ich am Abend nach Hause kam eine aufgebrochene Tür vor fand, und sah, was mir nun zusätzlich auch noch alles durch Sven von Luca genommen worden war, brach ich erneut zusammen…….

April 2016

Zwischenzeitlich hatte ich über eine Transgender-Gruppe auf Facebook eine Freundin in Österreich kennengelernt, die Petra. Diese lud mich ein, nach Österreich, nach Dornbirn zu kommen, zu ihrer Selbsthilfegruppe. Der für mich erste Termin für diese Selbsthilfegruppe war am 20.04.2016 und ich fuhr am Nachmittag, nach der Arbeit die 80 Kilometer rüber.

Ich kam dort an, schnieke gestylt, in weiss/schwarzen Zebra-Look und mit relativ frisch gefärbten, roten Haaren. Es waren sehr nette, aufgeräumte Räumlichkeiten und ich wurde sehr lieb mit Umarmung empfangen. Dann trudelten nach und nach die anderen Teilnehmer ein, und es füllte sich. Alle Achtung, ich glaube es waren locker um die 15 Personen, die da waren und an der Selbsthilfegruppe teilnahmen, ich war beeindruckt.

Alle Teilnehmer waren durchgehend sehr lieb und nett, unterhielten sich mit mir und ich fühlte mich sofort aufgenommen.

Als wir uns dann alle auf die verschiedenen Sitzmöglichkeiten setzten um mit der eigentlichen Gruppenarbeit zu beginnen, fiel mir eine offensichtliche Transfrau auf, die sich bisher sehr zurück gehalten hatte. Sie saß rechts von mir im Eck der Eckbank neben einer anderen Transfrau von sehr imposanter Statur und schien nur die Runde zu beobachten. Das ich sechs Monate später mit eben dieser Transfrau zusammen sein würde und mit ihr sehr, sehr glücklich werden würde, konnte ich mir zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht vorstellen. Da zu Beginn der SHG meistens eine Vorstellungsrunde stattfand, so auch an diesem Tag, erfuhr ich kurz darauf auch ihren Namen: Michelle.

Mehr als ein Hallo und am Ende ein Tschüss fiel zwischen uns beiden zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Trotzdem war ich von da an, jeden Monat immer am dritten Mittwoch im Monat bei diesen Treffen dabei und ich hatte dort viel Spaß. Alle waren sehr nett und ich fand schnell neue Freunde dort. Das Verhältnis zu Michelle jedoch blieb anfangs noch sehr zurückhaltend und eher auf das Nötigste beschränkt.

Im April war noch eine wirklich große Sache. Mir ging es gar nicht gut aufgrund der Trennung zu meinem Sohn Luca und man merkte mir das auch deutlich an. Omnitah Schwark, eine sehr, sehr liebe und gute Freundin von mir, lud mich deshalb ein, nach Wasserburg zu kommen zu einer Eröffnung einer Ballettschule. Es war wundervoll… am Abend sind wir dann noch alle zusammen mit ein paar weiteren Freunden Essen gegangen. Für diesen Abend danke ich Om so sehr! Ganz, ganz lieben Dank, liebste Om!

Juni 2016

Und dann kam der Juni 2016. Der 23.06.2016, der Tag an dem ich freudestrahlend mein Rezept für meine Hormon-Ersatz-Therapie entgegen nehmen durfte und bei der Apotheke meine Hormone abholen durfte.

Es war ein wunderschönes, super tolles Gefühl, endlich den Weg richtig beginnen zu können, endlich die Hormone einnehmen zu können, die meinen Körper verändern sollten!

Alleine schon das erste Einnehmen des Testosteron-Blockers löste immense Glücksgefühle in mir aus. Die Erwartung endlich morgens nicht mehr wach zu werden mit einer riesigen Beule in der Bettdecke, machte mich glücklich. Genauso das erste Mal Einschmieren des Östrogen-Gels und die Hoffnung, endlich einen schön geformten Frauenkörper davon zu bekommen, löste eine Flut von Endorphinen in mir aus, wie ich es vorher nicht gekannt hatte.

Heute, exakt ein Jahr und zehn Tage später macht sich etwas Ernüchterung breit. Natürlich hat das Teil dort unten zwischen meinen Beinen absolut gar nichts mehr zu mucken und ja, auch schöne Brüste habe ich schon bekommen und sie wachsen natürlich auch noch weiterhin, aber es ist zur Gewohnheit geworden, das morgendliche und abendliche Ritual des Einschmierens. Die Veränderungen sind schon deutlich zu sehen, aber sie passieren eben nun mal viel zu langsam.

Juli 2016

Es kam der 02. und 03. Juli 2016 an denen meine Mutter Etta ihren 70. Geburtstag feierte. Dazu waren wir in Nürnberg in einem wunderschönen Hotel einquartiert und die ganze Familie war da, mitsamt Anhänge wie Freundinnen, Lebensgefährtinnen, etc.

Es waren wunderschöne Tage in Nürnberg und ich fühlte mich sehr, sehr wohl.

Am 03. Juli 2016, noch in Nürnberg, saßen wir alle beim Frühstück in einem tollen Bistro zusammen. Wir hatten uns Tische reservieren lassen und alle waren da.

Reinhold, mein Vater, nahm mich zur Seite und sagte die folgenden Worte zu mir, die mich zur glücklichsten Frau der Welt machten:

Seit deinen Coming Out hast du dich sehr zu deinem Vorteil hin verändert. Wir hatten vorher immer das Gefühl, dass du eine Rolle gespielt hast von jemandem, der versucht über den Dingen zu stehen. Seit deinem Coming Out ist das vollständig verschwunden. Wir werden Dich in dieser Sache vollstens unterstützen. Wir finden das sehr gut!

Diese wenigen Worte, vor allen Anderen zu mir gesprochen, waren das Schönste, was er jemals zu mir gesagt hatte und sie machten mich immens stolz! Und sie zeigten mir, das es genau das Richtige war, was ich am 16.10.2015 begonnen hatte und das mein Weg ohne jeden Zweifel einfach das einzige war, was ich machen musste und konnte.

Wir verlebten einige wunderschöne Tage in Nürnberg… bis ich dann am 04.07.2016 direkt von Nürnberg weiter fahren musste nach Berlin. Denn dort sollte dann am 05.07. die Gerichtsanhörung stattfinden, bei der es um das Aufenthaltsbestimmungsrecht für Luca gehen sollte.

05.07.2016

Sven war es von Gerichts wegen verboten worden, Luca mit zu dieser Gerichtsanhörung zu bringen, weil durch ein Aufeinander-treffen zwischen Luca und mir nur extrem störende Gefühle entstehen würden, sowohl bei mir, die der Anhörung sicher nicht dienlich gewesen wären, als natürlich auch bei Luca.

Ich kam also am Morgen des 05.07. dort am Gerichtsgebäude an, ließ mich von der Security am Eingang durchleuchten und stieg dann die Stufen hinauf, bis in den (ich glaube) zweiten Stock, wo das Gerichtszimmer sein sollte, wo die Anhörung stattfinden sollte.

Als ich die Treppe oben ankam war das erste, was ich sah… Luca…

Ich hatte Luca nicht mehr gesehen seit dem 05.03.2016, als ich Sven und Luca nach Trier gefahren hatte in der trügerischen Hoffnung, beide eine Woche später wieder in die Arme schließen zu können. Statt dessen hatte sich Sven dazu entschlossen, einfach weg zu bleiben und mir Luca vier Monate lang vorzuenthalten – nein, er war sogar noch bei mir eingebrochen während ich im Büro war und hatte mir die letzten verbleibenden Bilder von Luca geklaut, die ich noch hatte!

Dies war das Erste, was ich seit vier Monaten von Luca zu sehen bekam! Da ich von Sven nicht einmal Fotos oder Ähnliches geschickt bekommen hatte.

Man kann sich vorstellen, wie ich dort zusammen brach… wie ich dort gefühlt haben muss… Es hatte schon seine berechtigten Gründe, wieso Sven Luca nicht mitnehmen sollte…

Nun, sei’s drum. Konsens der Gerichtsanhörung war dann schlussendlich, das ich zugestimmt habe, das Luca vorerst bei Sven in Berlin bleibt um ihm nicht ein erneutes Trauma durch Entreißen aus seiner neuen, inzwischen gewohnten Umwelt, aufzuhalsen. Schließlich ging es hier um das Wohl des Kindes, um Luca und nicht um meine eigenen Gefühle.

September 2016 – Trans* SHG Hegau

Ich weiß auch nicht, wie es dazu gekommen ist. Irgendwie bin ich hier in meiner Region Hegau (westlicher Bodenseebereich) zur Mutter der Nation für alle Trans*-Personen mutiert.

Hier in Konstanz gibt es eine ganz liebe Transfrau, die ich auf den Weg gebracht habe, die ich unterstützt habe und auch weiterhin unterstützen werde, mit der ich eine Einkleidungstour gemacht habe und einen Schminkkurs und die sich durch mich so sehr zum Positiven verändert hat und damit auch glücklich ist.

Bei Sigmaringen habe ich zwei sehr junge Transmänner, die ich ebenfalls auf den Weg gebracht habe, denen ich erklärt habe, was dieser Weg bedeutet, wie es für sie weitergeht, wohin sie sich wenden müssen und wie entsprechende Anträge aussehen müssen. Sie sind nun beide bei der gleichen Psychotherapeutin in Begleittherapie und gehen ihren Weg. Nichts desto Trotz bin ich natürlich auch weiterhin immer für sie da.

Letztens hat mich eine sehr nette Frau angesprochen, eine Elternsprecherin einer Schule hier in der Region, die mich um Informationen über mich selbst, als auch über Transsexualität im Allgemeinen gebeten hat und mich ausgefragt hat. Eventuell werde ich dort an der Schule sehr bald einen Vortrag über Transsexualität halten.

Und so hat sich bei mir etwas entwickelt, was ich sehr toll finde und mich sehr freut. Ich werde voll akzeptiert, werde als Beraterin herangezogen, als Wegbegleiterin, als Freundin und als Fürsorgerin. 

Und dies alles hat mich nun dazu veranlasst, dies in einem größeren Stil und etwas professioneller aufzuziehen. Ich habe beschlossen, mein Leben, meine Kenntnisse und Erfahrungen einem breiteren Spektrum zur Verfügung zu stellen um noch mehr Leuten helfen zu können. Und damit ist dann die Trans* SHG Hegau entstanden.

Irgendwann begann ich nach einer Selbsthilfegruppe in meiner Nähe zu suchen. Es gab einen Stammtisch der an einem öffentlichen Ort, nämlich in einer Wirtschaft in Markdorf stattfand. Dies ar aber kaum dazu geeignet um anonym und privat sich zu unterhalten und wirkliche Hilfe zu leisten. Es gab einmal eine Selbsthilfegruppe in Ravensburg, diese gibt es aber leider nicht mehr. Die nächsten, wirklichen Selbsthilfegruppen waren dann in Ulm, bzw. in Freiburg, also beide mehr als 100 Kilometer entfernt.

Ich hatte durch meine vorherigen Erfahrungen und Hilfestellungen den Eindruck, dass auf jeden Fall Bedarf im westlichen Bodenseeraum für eine solche Selbsthilfegruppe bestand und so beschloss ich, kurzerhand selbst eine zu gründen.

Und so überlegte ich mir einen Namen und eine entsprechende Domain, registrierte Diese und baute im Eilverfahren eine schicke Webseite auf, die diese neue Initiative beschreiben sollte und als Anlaufstelle dienen sollte.

Jeden zweiten Freitag im Monat sollte sich dann unsere neue Selbsthilfegruppe zusammen finden, wo dann jede*r von Problemen oder Erfolgen erzählen und sich Hilfe und Tipps holen kann. In erster Linie sollen diese Treffen dazu dienen, Informationen auszutauschen, bezüglich zum Beispiel dem grundsätzlichen Ablauf des jeweiligen Weges abhängig von der Richtung (Frau-zu-Mann oder Mann-zu-Frau) die man einschlagen will, empfohlener Psychotherapeuten, Endokrinologen oder wie man am besten die Vornamens- und Personenstandsänderung angeht. Ebenso sollte es natürlich um die verschiedenen Operationsmethoden und empfohlene Ärzte, die diese durchführen, gehen.

Ein anderer, sehr wichtiger Aspekt war allerdings auch das simple Zusammensein unter Freunden, ohne Angst haben zu müssen gemobbt oder sonderbar angeschaut zu werden. Viele von uns haben bereits einen langen und sehr steinigen Weg hinter uns, insbesondere was die Kindheit und Schulzeit angeht und haben hier auch sehr viel durchgemacht, was sie anderen Betroffenen gerne ersparen würden. So ist es nicht verwunderlich, das sich innerhalb dieser Treffen auch viele, tiefe Freundschaften entwickeln, die ein Leben lang halten.

Mitte 2016 – Höhenflüge und Abstürze

In der ersten Hälfte von 2016 hatte ich Tamara kennengelernt und ein wenig später dann Angela. Tamara war ein Mädchen mit ganz vielen eigenen Problemen, bei denen ich ihr nicht helfen konnte und so konnte auch eine Beziehung zwischen uns nichts werden.

Angela war eine Frau, selbst Borderlinerin wie auch ich, die sich ihrer selbst, ihrer Gefühle nicht sicher war und zudem panische Angst vor meinen Gefühlen hatte. Dies sorgte dann auch dafür, das ganze zehn (10!!!) Versuche zusammen zu kommen jedes Mal in einem Fiasko endeten und sie beinahe panisch die Flucht vor meiner Gefühlsflut ergriff.

Oktober 2016

Im Oktober war dann der zehnte Versuch mit Angela kläglich gescheitert und ich fiel mal wieder in ein sehr, sehr tiefes Loch. Es war ein Loch aus dem ich alleine nicht wieder heraus gekommen wäre. Mehr will ich in diesem Moment dazu nicht sagen. Fest steht jedoch, das ich ohne die folgenden Ereignisse, diese Zeit nicht überlebt hätte.

Ich hatte schon einen kleinen Tiefpunkt im Juli und Michelle – Du erinnerst Dich an die stille Transfrau in der SHG Dornbirn – war damals aus irgendeinem Grund mit mir per Facebook Messenger in Kontakt gekommen. Sie schrieb viel und oft mit mir, zeigte mir, das ich Freunde habe und alles nicht so schlimm war, wie es für mich aussah. Bei einer der Treffen der SHG Dornbirn schrieb sie vorher, das wir uns dort ja einmal unterhalten könnten… irgendwie ist es dann nicht dazu gekommen und wir saßen wieder nur still auf den Sofas und beachteten uns kaum.

Anfang Oktober dann, als es mir so dermaßen schlecht ging, schrieb sie wieder mit mir, stundenlang. Und auf einmal, wie aus heiterem Himmel machte es Klick bei mir…

Plötzlich sah ich Michelle mit ganz anderen Augen! Plötzlich merkte ich, das ich in ihr eine wirkliche Freundin gefunden hatte. Plötzlich wusste ich, das sie zu mir hielt und mich auffing, mir ihre starke Schulter reichte und mich tröstete. Und auf einmal schlug der Blitz bei mir ein. Ich verliebte mich Hals über Kopf in Michelle, obwohl wir uns eigentlich gar nicht kannten, uns nur ein paar mal in der SHG Dornbirn getroffen hatten und dort still auf den Sofas gesessen waren.

Michelle war damals für mich da und sie fing mich auf, bewahrte mich vor einer sehr, sehr großen Dummheit und sie hielt zu mir. 

09.10.2016

In diesem Tag beschlossen wir – nach nur einer Woche nachdem der zehnte Versuch mit Angela gescheitert war – zusammen zu kommen und ein Paar zu werden. Es war ein sehr, sehr merkwürdiges Gefühl. Zuerst die totale Verzweiflung, das Fallen in ein dunkles, schwarzes Loch und dann innerhalb von nur sechs oder sieben Tagen, das absolute Hochgefühl und Glücksgefühl, jemanden gefunden zu haben, für die ich wirklich wichtig war und die mich auf Händen tragen würde.

Ein paar Tage später, ich glaube es war das darauf folgende Wochenende, fuhr ich nach Österreich um Michelle zu besuchen. Uns trennten nur ungefähr 70 Kilometer, aber immerhin drei Länder. Es war für mich das erste Mal, das ich für eine Partnerin durch drei Länder fahren musste, um sie zu sehen.

Ich kam in Lustenau an, klingelte bei Michelle an der Tür und sie machte mir auf………………

Man stelle sich vor, ich hatte Michelle bisher immer nur einmal im Monat bei den Treffen der Selbsthilfegruppe Dornbirn gesehen. Dort war sie hübsch gestylt, mit Perücke, Make-up und modischer, weiblicher Kleidung. An diesem Tag jedoch, als ich dort an der Tür klingelte und sie mir aufmachte, lernte ich Jürgen kennen.

Jürgen war Michelle, nur ohne Perücke, Make-up und modischer, weiblicher Kleidung. Mir machte ein Kerl die Tür auf, wie er im Buche steht. Ich war zuerst etwas verdattert und unsicher, wurde aber sehr freundlich und lieb willkommen geheißen.

Was soll ich sagen, ich verliebte mich noch viel, viel mehr, viel intensiver und mit allen Fasern meines Herzens… in diesen Kerl. Jürgen war – und es tut mir für Michelle leid, das ich das so sagen muss – ein ganzer Kerl, ein Macho-Man vom Feinsten und genau das, was ich brauchte. Ich sehnte mich so sehr nach Zuneigung, Liebe und vor allem Zärtlichkeiten… ich sehnte mich so verdammt nach einem Halt, nach einer starken Schulter, nach jemanden, bei dem ich mich fallen lassen konnte, mich ankuscheln konnte und dem ich alles anvertrauen konnte. Ich sehnte mich so sehr nach jemanden, bei dem ich eben nicht die große, starke Frau sein musste, die die Hosen anhat und die Verantwortung tragen musste. Ich wollte endlich auch einmal richtig geliebt werden, gehalten werden und vor allem geführt, geleitet werden. Ich sehnte mich so verdammt sehr nach starken Armen und einer festen, starken Persönlichkeit.

Und nach was ich mich am meisten sehnte war… Dominanz! Denn im Herzen, ganz tief in mir, war ich nie die starke, selbstbewusste, verantwortungsvolle Frau… ich war eher das schwache, sehr devote und zutrauliche Prinzesschen, das eine starke und dominante Führung brauchte. (Man achte auf das Halsband im Bild rechts!)

Und genau das alles bekam ich bei Jürgen – sorry, bei Michelle.

Und so war es kein Wunder, das ich ihr komplett und vollkommen verfallen bin, auch heute noch. Ich liebe sie mehr als mein Leben, mehr als alles, was ich mir vorstellen könnte. Und ich weiß mit absoluter, 100%-iger Sicherheit, das Michelle mich niemals so fallen lassen würde, mich niemals betrügen oder verarschen würde, wie es alle meine Partner oder Partnerinnen vorher getan haben.

Heute ist der 4. Juli 2017 und ich bin noch mindestens genau so verliebt und auch behütet, wie zu Anfang. Danke, liebste Michelle!

14.10.2016

Dann kam der 14. Oktober und das erste Treffen meiner eigenen Selbsthilfegruppe fand statt.

Zuvor hatte ich mich mehrere Wochen lang bemüht, eine entsprechend passende und vor allem günstige Location zu finden, wo wir in Zukunft unsere Treffen abhalten konnten. Ich bekam einen Tipp auf Facebook von einer meiner zahlreichen Facebook-Bekanntschaften, das ich es doch einmal bei der ideenWerkstatt Radolfzell versuchen sollte.

Ich setzte mich mit den Verantwortlichen in Verbindung und bekam, nach einem sehr netten Telefonat wo mir unmissverständlich klar gemacht wurde, dass sie es nicht wünschen, wenn ein paar Transvestiten wie beim Christopher-Street-Day „als Frauen verkleidet“, in Minirock, Overknees und Federbusch, dort aufkreuzen würden, sehr schnell einen Termin, wo ich mich persönlich vorstellen sollte. Ich kam dort an, wie immer sehr chic und modisch gekleidet – natürlich als Frau, so wie ich mich die letzten 12 Monate auch nur noch, ohne Ausnahme, gegeben hatte.

Ich denke alleine schon mein Aussehen, wie ich dort ankam und mein selbstbewusstes Auftreten, hatte sie überzeugt und wir hatten ein sehr angenehmes, langes Gespräch. Konsens dieses Gesprächs war dann, das ich endlich eine super tolle Räumlichkeit mit allem was das Herz begehrte, für meine Selbsthilfegruppe gefunden hatte!

Und so fand dann am 14.10.2016 unser erstes Treffen statt. Wir waren ganze vier Personen und das war schon ein riesiger Erfolg.

Hätte ich damals schon gewusst, wie groß der Bedarf an solch einer Gruppe in unserer Umgebung wirklich war und wie viele Personen schon vier Monate später zu den Treffen kamen, wäre ich wohl in Ohnmacht gefallen. Schließlich ist es tatsächlich die einzige (richtige) Selbsthilfegruppe zum Thema Transgender und Transidentität im Umkreis von ca. 100 Kilometern.

03.11.2016 – Gerichtstermin VÄ/PÄ

Ich hatte schon im April 2016 den Antrag gestellt auf meine Vornamens- und Personenstandsänderung (VÄ/PÄ). Hierzu hatte ich dann auch zwei Gutachterinnen vom Amtsgericht Konstanz zugeteilt bekommen. Eine in Freiburg und eine in Konstanz. Die Termine bei beiden Gutachterinnen zogen sich über die Monate August, September und Oktober dahin, bei der Gutachterin in Konstanz musste ich sogar drei Mal hin.

Schließlich bekam ich dann Ende Oktober Post vom Amtsgericht Konstanz mit der Terminvereinbarung zur Gerichtsanhörung am 03.11.2016, betreffend meiner VÄ/PÄ. Du kannst Dir sicher denken, wie aufgeregt ich war. Wie die Anhörung dann abgelaufen ist und wie glücklich ich darauf hin war, kann man sehr gut in dem folgenden Video das ich während der Fahrt nach dem Termin zurück zur Arbeit, gemacht habe, nachempfinden:

 

13.11.2016 – Der rechtsgültige Beschluss ist schon da!

Am 13.11.2016 lag dann schon der rechtsgültige Beschluss, datiert auf den 11.11.2016 im Briefkasten. Und damit ging die Ämter-Odyssee los! Als aller Erstes kopierte ich den Beschluss erst mal in digitale Form. Dann formulierte ich mehrere Emails an verschiedene Vertragspartner wie zum Beispiel T-Mobile, meine Versicherungen, etc. Mindestens genau so viele Briefe schrieb ich dann noch zum Beispiel an das Standesamt meiner Geburtsstadt um eine neue Geburtsurkunde ausstellen zu lassen, und einige andere mehr.

Aber es ging mir ja vor allem um meinen Personalausweis und meinen Führerschein. Dort den richtigen Namen und das richtige Geschlecht stehen zu haben, wäre die Krönung aller Wünsche…. nun ja, bis auf die abschließende Geschlechtsangleichende OP (GaOP) natürlich.

Also ging ich zum Bürgeramt und beantragte, nach Vorlage des Beschlusses und zweier neuer Passfotos, meinen neuen Perso und den neuen Führerschein. Es sollte vier Wochen dauern, bis ich endlich beides in den Händen halten sollte.

Endlich hatte ich einen riesigen Schritt geschafft auf meinem Weg. Es war einer der Wichtigsten für mich.

Das Ganze hatte jetzt nur noch einen Haken: Ich war mit allem durch, bis auf die GaOP. Diese konnte aber erst nach 18 Monaten Psychotherapeutischer Begleittherapie beantragt werden. Bis dahin waren es noch 10 Monate, in denen ich jetzt nur noch warten konnte und Stillstand hatte.

Nach all den Glücksgefühlen und Erfolgsmomenten nun 10 Monate einfach nur warten zu müssen, war nicht einfach – dachte ich zumindest. Jetzt haben wir den 07.07.2017, eine Woche vor meinem 45. Geburtstag und genau 3 Tage, bevor meine 18 Monate Psychotherapeutische Begleittherapie um sind und ich habe den Eindruck, die Zeit seit dem Beschluss damals im November, verging wie im Flug.

20.05.2017

Tja und dann kam der Tag, an dem ich gegen 12 Uhr Mittags einen Anruf einer guten Freundin der Familie Löhner bekam, die mir mit sehr trauriger Stimme mitteilte, das mein Vater Reinhold am Morgen völlig überraschend verstorben war.

Überraschend deshalb, weil er zwar Herzkrank war, aber seit 2 Jahren wieder richtig fit war, täglich ca. 30 Kilometer Rad gefahren war und am Abend zuvor noch auf das Segelboot geklettert war und dort die Sitzbänke neu lackiert hatte.

Dann hatte er sich, zusammen mit meiner Mutter am Vorabend zu Bett begeben. Meine Mutter wachte dann gegen 09:30 auf und wunderte sich da schon, das mein Vater sich halb aufgedeckt hatte und nicht rührte. Sie dachte sich aber nicht viel dabei und ging erst mal ins Bad. Als sie zurück kam, lag er immer noch so da und da bemerkte sie es dann. Er musste etwa eine Stunde vorher ohne Aufzuwachen friedlich verstorben sein.

Als aufmerksame*r Leser*in hast Du sicher noch in Erinnerung, was er mir bedeutet hatte und was ich ihm bedeutet hatte (siehe Anfang 1975 oder  Juli 2016). Er hatte mich immer bei allem unterstützt, stand mir immer mit Rat und Tat zur Seite und auch wenn es mal finanziell eng war, half er mir immer wieder auf die Beine.

Er war mein größtes Vorbild, sein Humor, seine weise Art, seine Freundlichkeit und sein Charme waren einfach unschlagbar und ich träumte früher immer davon, so einen Mann irgendwann einmal zu heiraten.

Und dann war er auf einmal, von einem Tag auf den Anderen weg. 

Am 02.06.2017 fand dann eine große Trauerfeier für ihn statt, an der ich psychisch, seelisch und auch körperlich komplett zusammen gebrochen bin – im wahrsten Sinne des Wortes. Vor lauter Verzweiflung und Heulkrampf, bin ich ohnmächtig zusammengebrochen und habe mir dabei eine ordentliche Gehirnerschütterung eingefangen, deren Auswirkungen ich noch drei Tage später spürte.

Update 18.08.2017

Mein Antrag für die Kostenübernahme der geschlechtsangleichenden Operation liegt nun seit genau 15 Tagen bei der Krankenkassen, respektive seit 10 Tagen beim MDK. Ich warte…..   😛

 


 

Dieser Lebenslauf wird immer mal wieder erweitert, wenn etwas weltbewegendes geschehen ist. Also seid gespannt und schaut ab und an mal vorbei!

*Kisses*
Christin

 

 

 

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