Transsexualität

Was ist Transsexualität?

Was ist Transidentität / Transgender

Diese Seite soll Dich aufklären und erklären was Transidentität ist, wie es sich äußert, woran man es erkennen kann und Dir noch viele weitere Informationen zu diesem Thema bereitstellen.

Vorab: Generell lehnt die LSBTTIQ Gemeinschaft die Begriffe „Transsexuell“ und „Transsexualität“ ab, da diese Bezeichnungen nahe legen, es hätte etwas mit der sexuellen Orientierung (Heterosexuell, Bisexuell, Homosexuell, etc) zu tun, was aber nicht der Fall ist. Es sind zwei völlig unterschiedliche, voneinander unabhängige Themen. Statt dessen verwenden wir die Begriffe „Transidentität“, „transident“ oder „Transgender“.

Was genau ist Transidentität?

Unter Transidentität wird verstanden, wenn das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht anhand der äußeren Geschlechtsmerkmale des Neugeborenen, nicht mit dem Wissen und dem Gefühl um das eigene Geschlecht übereinstimmt. In diesem Zusammenhang spricht man auch von einem Abweichen der Geschlechtsidentität oder einer gegengeschlechtlichen Identitätsstörung. Letztere Bezeichnung ist allerdings falsch, da es sich bei Transidentität nicht um eine Krankheit im medizinischen Sinne handelt.

Einschlägige, neurowissenschaftliche Studien belegen, dass das Wissen um die eigene Geschlechtszugehörigkeit im Gehirn verankert ist. Das Geschlecht findet nicht zwischen den Beinen statt, sondern zwischen den Ohren. Es handelt sich also um eine Inkongruenz oder Diskrepanz zwischen dem geschlechtlichen Selbstverständnis und/oder Körperbild eines Menschen und dem ihm bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht.

Ein Mann, der Aufgrund einer Krankheit oder eines Unfalls seine äußeren Geschlechtsmerkmale verliert, würde nie auf die Idee kommen, sein männliches Geschlecht in Frage zu stellen. Gleiches gilt selbstverständlich für eine Frau. Bei einer transidenten Person, ist es jedoch das genaue Gegenteil. Sie stellt ihr äußeres, ihr sichtbares Geschlecht jeden Tag aufs Neue in Frage.

Wie entsteht Transidentität?

Die Entstehung des Phänomens ist wissenschaftlich noch nicht eindeutig geklärt. Jedoch verdichten sich die Hinweise darauf, dass Transidentität während der fetalen Entwicklung durch Schwankungen der Sexualhormone im Mutterleib entsteht (Swaab & Bao).

Zu Beginn der Schwangerschaft sind alle Föten zunächst „weiblich“. Etwa in der 6. Woche der Schwangerschaft werden die Geschlechtschromosomen (XX und XY) des Fötus durch die Sexualhormone (im Blut der Mutter) an getriggert, entsprechende innere und äußere Geschlechtsmerkmale zu entwickeln. Erst zu einem späteren Zeitpunkt wird die Entwicklung des Gehirns „angestoßen“.

Verändert sich nun zwischen diesen beiden fötalen Entwicklungszeitpunkten die Konzentration der Sexualhormone im Blut der Mutter, kann es dazu führen, dass sich der Geschlechtskörper abweichend vom „Gehirngeschlecht“ entwickelt.

Um es einfach zu sagen: Es kann passieren, dass ein Mensch mit männlichen Körpermerkmalen aber weiblichem „Gehirngeschlecht“ (Geschlechtswissen) oder ein Mensch mit weiblichen Körpermerkmalen, aber männlichem Geschlechtswissen entsteht. Es handelt sich also bei Transidentität um eine „Spielart“ der Natur, oder wie es der Psychologe Prof. Udo Rauchfleisch ausdrückte, um „eine Normvariante der Natur“.

Mit teilweise kriminellen Methoden (z.B. Elektroschocktherapie) wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts versucht, betroffene Menschen „zu heilen“. Lange Zeit wurde angenommen, dass Transidentität änderbar (z.B. durch Psychotherapie) wäre. Die Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte belegen eindeutig das Gegenteil. Transidentität ist nicht änderbar – zumindest solange nicht, bis wir medizinisch in der Lage sind, Gehirne von Menschen auszutauschen.

Vor allem die Neurowissenschaften haben in den letzten zwei Jahrzehnten genügend Wissen angehäuft, um eine primär psychische Verursachung der Transidentität auszuschließen. Es ist deutlich geworden, dass Transidentität eine besondere Form von Intersexualität darstellt. Als intersexuell bezeichnet man Menschen, die mit sowohl männlichen als auch weiblichen Geschlechtsmerkmalen zur Welt gekommen sind. Beim Phänomen „Transidentität“ scheint dies in besonderer Weise zu zutreffen (Haupt, 2016).
Eine Mehrheit der Wissenschaft sieht dies mittlerweile mehrheitlich ebenso. Oder um es in den Worten unserer Bundeskanzlerin zu sagen: „Es ist alternativlos!“

In der internationalen statistischen Klassifikation für Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD) wird Transidentität derzeit noch immer als „Störung der Geschlechtsidentität“ (F64.0) aufgelistet. Eine Revision des ICD ist derzeit in Arbeit und sieht vor, den Erkenntnissen der Wissenschaft Rechnung zu tragen und Transidentität aus den „Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen“ (F60-F69) zu streichen. 

Dennoch werden transidente Menschen in vielen Ländern (auch in Deutschland) noch immer gezwungen, sich einer Psychotherapie und anderen Maßnahmen zu unterziehen, bevor sie letztendlich ihr Geschlecht leben dürfen. 

Nach dem Coming-Out – wie geht es medizinisch weiter?

Bis einer transidente Person medizinische Maßnahmen (z.B. Hormonersatztherapie, Bartepilation, genitalanpassende Operation etc.) zugestanden werden, muss diese eine langwierige und teilweise sehr entwürdigende Prozedur über sich ergehen lassen und mit den Krankenkassen und dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) viele zermürbende „Kämpfe“ ausfechten. 

Noch immer wird von den Krankenkassen eine Zwangspsychotherapie von i.d.R. mind. 18 Monaten verlangt, bevor operative Maßnahmen genehmigt werden. Die Wartezeiten für einen Therapieplatz betragen oft mehrere Monate oder gar Jahre.

Viele der „Therapeuten“ (welche diese angeordnete Psychotherapie durchführen) verlangen von ihren Patientinnen und Patienten noch immer einen sog. „Alltagstest“. Dies bedeutet, dass eine betroffene Person zunächst 12 Monate im Alltag die „gewünschte Geschlechterrolle leben“ muss. Dieser „Alltagstest“ wird von vielen betroffenen Menschen als entwürdigend, demütigend und sehr belastend empfunden. Verständlicherweise, denn man wird z. B. als transsexuelle Frau mit einem „männlichen Körper“ (also mit Bart und Körperbehaarung) dazu gezwungen, weibliche Kleidung zu tragen. Dabei legen viele der Therapeuten Wert auf die Erfüllung sämtlicher Stereotype bzgl. Frauen. So wird von transidenten Frauen oft verlangt, sich besonders weiblich zu kleiden und zu schminken. Es ist verständlich, dass viele Menschen dann den Eindruck haben, dass transidente Frauen doch „nur durchgeknallte Kerle in Weiberklamotten“ sind. Oft sind die Folgen: Verlust des Arbeitsplatzes, Ausgrenzung, Diskriminierung und auch körperliche Gewalt.

Es liegt im Ermessen des Therapeuten, wann er/sie sein „OK“ dazu gibt, der transidenten Person erste medizinische Maßnahmen zu gewähren. Erst dann kann die betroffene Person mit der Einnahme von Hormonen (bei transidenten Frauen i.d.R. Estradiol, bei transidenten Männern Testosteron) beginnen – sofern ein Termin bei einem entsprechenden Facharzt auch zur Verfügung steht. Um operative Maßnahmen durchführen zu können werden von den Krankenkassen und dem MDK oft weitere Gutachten und Stellungnahmen von Psychiatern/Psychologen eingefordert. Nicht selten dauert die Transition (vom Coming-Out bis zum Abschluss der angleichenden Maßnahmen) viele Jahre. Eine Zeit, die für viele transidente Menschen eine große Belastung darstellt – viele scheitern daran: 

Diskriminierung – Einige Fakten

    35 % der betroffenen Personen leiden unter starken Depressionen*
    50,5 % gaben an, einen Suizid schon ernsthaft in Erwägung gezogen zu haben
    33 % der betroffenen Personen haben bereits schon einen Selbstmordversuch unternommen
    15,8 % leiden unter Essstörungen (extremes Übergewicht und Magersucht)
    58,7 % der betroffen Personen wurden bereits mehrfach verbal öffentlich angegriffen
    27,1 % wurden körperlich angegriffen (z. B. grundlos angerempelt, weggeschoben, umgestoßen)
    12,4 % wurden niedergeschlagen, getreten oder mit Waffen angegriffen
    55,2 % der betroffen Schüler/Studenten wurden/werden in sozialen Medien gemobbt
    80 % der Schüler/Studenten gaben an, Angst in der Schule/Hochschule zu haben

Quellen: Olson, J./Schranger, S./Belzer, M./Simons, L./Clark, L., 21.07.2015, Baseline Physiologic and Psychosocial Characteristics of Transgender Youth Seeking Care for Gender Dysphoria ,Journal of Adolescent Health (n=101, A=12-24 Jahre) – Diemer, W./Grant, J./Munn-Chernoff, M./Patterson, D./Duncan, A., 28.04.2015, Gender Identity, Sexual Orientation, and 
Eating-Related Pathology in a National Sample of College Students, Journal of Adolescent Health (n=289.024) – Kosciw, J./Greytak, E./Bartkiewicz, M./Boesen, M./Palmer, N., 2012, The 2011 National School Climate Survey, GLSEN, New York (n=8.584, A=13-20 Jahre) 

* Transidentität ist nicht der Grund für Depressionen. Der gesellschaftliche Umgang mit der Thematik, die erfahrene Diskriminierung Betroffener und die Psychopathologisierung von Transidentität ist als Ursache für Depressionen verantwortlich (Seikowski, 2016).

 

 

 

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